Insolvenzen im Handel : 23 Insolvenzen pro Woche: Einzelhandel stellt 5 konkrete Forderungen
Inhalt
- Einzelhandel erwirtschaftet 79,8 Milliarden Euro Jahresumsatz
- Aktuelle Insolvenzen Österreich: 23 Handelspleiten pro Woche
- Forderung 1: Bürokratiebelastung bis 2035 halbieren
- Forderung 2: Kreuzbeteiligungen im Energiesektor auflösen
- Forderung 3: Steuerprogression abflachen
- Forderung 4: Plattform-Haftung umsetzen, Fair Play im eCommerce
- Forderung 5: EU-Kapitalmarkt vervierfachen
Die WIFO-Prognose beziffert den Gesamtumsatz der heimischen EinzelhändlerInnen für 2025 auf 79,8 Milliarden Euro.
- © TrueShot | Westend61Der österreichische Einzelhandel durchlebt schwierige Zeiten. Während die Wirtschaft in der Eurozone 2025 dreimal schneller expandierte als in Österreich, verzeichnete die heimische Handelsbranche das dritte Jahr in Folge eine Rekordanzahl an Firmenpleiten.
„Täglich verschwinden Handelsbetriebe aus dem Straßenbild – die leeren Schaufenster sprechen eine deutliche Sprache", sagt Rainer Will, Geeschäftsführer des Handelsverbands.
Die kürzlich im Rahmen der Regierungsklausur angekündigte Halbierung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel sowie eine nationale Gebühr auf Pakete aus Drittländern werden als positive Signale gewertet. „Jetzt kommt es auf die Umsetzung an", betont Will.
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Einzelhandel erwirtschaftet 79,8 Milliarden Euro Jahresumsatz
Der regionale Handel bildet das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft. Ein Viertel aller Betriebe gehört zum Handelssektor, der zugleich der größte private Arbeitgeber und umsatzstärkste Wirtschaftsbereich des Landes ist.
Lesen Sie hier, wer 80 Prozent der Insolvenzverfahren in Österreich einleitet
Die WIFO-Prognose beziffert den Gesamtumsatz der heimischen EinzelhändlerInnen für 2025 auf 79,8 Milliarden Euro. Real bedeutet dies im Vergleich zum Vorjahr ein moderates Plus von 1,0 Prozent.
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Aktuelle Insolvenzen Österreich: 23 Handelspleiten pro Woche
Die aktuellen Insolvenzen in Österreich zeigen ein alarmierendes Bild. Laut KSV1870-Hochrechnung musste der Handel 2025 insgesamt 1.208 Firmenpleiten verkraften – ein Anstieg von 4 Prozent. Keine andere Branche weist derart viele Unternehmensinsolvenzen auf.
Durchschnittlich bedeutet dies 23 Handelsinsolvenz-Fälle wöchentlich im dritten Rekordpleitejahr nacheinander. Die Handelsbetriebe kämpfen mit dramatisch gestiegenen Ausgaben für Miete, Personal, Energie und Logistik bei gleichzeitig stagnierenden Einnahmen. Der „Regulierungs-Overkill" verschärft die Situation zusätzlich. Reformstau und überbordende Bürokratie beeinträchtigen die Wettbewerbsfähigkeit massiv.
Auch MPreis spürte in den vergangenen Jahren die schwierige Lage
Forderung 1: Bürokratiebelastung bis 2035 halbieren
Der Index of Economic Freedom der Heritage Foundation unterstreicht den Stillstand. Österreich belegt nur noch Platz 32, hinter Ländern wie Uruguay, Botswana oder Mauritius.
Erschwerend kommt hinzu: Im EU-Vergleich werden in Österreich die wenigsten Unternehmen gegründet. Handelsnahe Startups, digitale DienstleisterInnen und innovative Vertriebsformen entstehen zu selten. Traditionsbetriebe verschwinden, NachfolgerInnen fehlen. Die regionale Versorgung und Arbeitsplätze gehen verloren.
„Die Republik verliert Wertschöpfung, Know-how und Kontrolle über die eigene Handelslandschaft. Eine Händleroffensive der Bundesregierung ist dringend erforderlich, die eine Halbierung der Bürokratiebelastung bis 2035, strukturelle Entlastungen und Erleichterungen bei Unternehmensgründungen beinhaltet. Dies würde auch Stadt- und Ortskerne erhalten", sagt Irina Andorfer, Geschäftsführerin von Sport 2000.
Tipps für die Unternehmensgründung in Österreich
Als konkreten Schritt fordert Andorfer höhere Schwellenwerte bei Statistik- und Meldepflichten wie Intrastat. „Aktuell muss jede mehrwertsteuerpflichtige Person bei Warenlieferungen innerhalb der EU ab 1,1 Millionen Euro eine Intrastat-Meldung an die Statistik Austria abgeben. Für KMU-HändlerInnen und Familienunternehmen bedeutet dies massiven Bürokratieaufwand."
Forderung 2: Kreuzbeteiligungen im Energiesektor auflösen
„Wer die Teuerung stoppen möchte, muss bei den Energiekosten ansetzen. Der Energiemarkt ist liberalisiert wie ein Kreisverkehr mit Schranken. Solange teilstaatliche Oligopole und Kreuzbeteiligungen existieren, bleiben KonsumentInnen und Betriebe die Leidtragenden", sagt Andrea Heumann, Geschäftsführerin von Thalia Österreich.
"Der Handel unterstützt die BWB-Forderung nach Auflösung der Kreuzbeteiligungen im Energiesektor. So könnte die Marktmacht einzelner Anbieter reduziert werden."
Forderung 3: Steuerprogression abflachen
„Wir fordern eine umfassende Arbeitsmarktreform von der Bundesregierung. Die Steuerprogression muss abgeflacht werden, um den Trend zur Teilzeitgesellschaft zu stoppen", meint Andrea Hiotu, Mitglied der Geschäftsleitung von dm Österreich.
"Wer von 20 auf 30 Stunden aufstockt, sollte netto deutlich mehr erhalten als nur 32,4 Prozent. Wenn eine Mitarbeiterin bei 38,5 Stunden etwa 2 Euro netto pro Stunde weniger verdient als bei 20 Stunden, fehlt der Anreiz. Mehrarbeit muss sich lohnen."
Hiotu spricht sich auch für eine "substanzielle Senkung der Lohnnebenkosten in Etappen bis 2035" aus: Von reduzierten Lohnnebenkosten profitieren alle. Arbeitgeber werden konkurrenzfähiger und können in Menschen sowie Innovation investieren. Dies schafft Arbeitsplätze und bessere Qualifikation."
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Forderung 4: Plattform-Haftung umsetzen, Fair Play im eCommerce
„Es braucht mehr Fair Play im europäischen eCommerce sowie eine gerechte Besteuerung, damit für die digitalen Giganten dieselben Regeln gelten wie für lokale HändlerInnen", sagt Harald Gutschi, Geschäftsführer von Otto Austria.
Der neue 3-Euro-Pauschalzoll auf Sendungen aus Drittstaaten ab Juli 2026 sei ein wichtiger erster Schritt, reiche aber bei weitem nicht.
"Die EU-Zollreform muss beschleunigt werden, der Zeitplan mit 2028 ist viel zu langsam. Die 150-Euro-Zollfreigrenze muss noch heuer fallen", fordert Gutschi.
EU-Mehrwertsteuerbetrug: Wie Schlupflöcher im Zoll Milliarden kosten
Positiv bewertet wird die Ankündigung der Bundesregierung, eine nationale Paketgebühr auf Lieferungen aus Drittstaaten wie China einzuführen. Diese Gebühr soll zusätzlich zum pauschalen 3-Euro-Zoll der EU kommen.
Forderung 5: EU-Kapitalmarkt vervierfachen
Disruptive Technologien wie Generative AI sind entscheidend, um Produktivität zu steigern, Cyberangriffe abzuwehren und kundenorientierte Services zu entwickeln, die das Einkaufserlebnis verbessern. Der Innovationsgeist müsse gefördert werden, indem konkrete Pilotprojekte bis zur Marktüberleitung unterstützt und die Technikaffinität sowie der Know-how-Transfer in der Branche gesteigert werden.
„Absolute Grundvoraussetzung dafür ist ein Ausbau des europäischen Kapitalmarkts. Aktuell ist dieser viermal kleiner als jener in den USA. Unser langfristiges Ziel muss es sein, hier gleichzuziehen", so Rainer Will.