Bevölkerungsentwicklung Österreich : Demografischer Wandel trifft vor allem Südösterreich: Folgen für Erwerbstätige

alter mann in anzug winkt glücklich, während er im büro schreibtisch und papierkram hinter sich lässt
© adobe stock/ Elnur

Es war ein Satz, der die Dimension des Problems erstmals greifbar machte: AMS-Chef Johannes Kopf warnte in den Medien vor einer Lücke von bis zu 120.000 Arbeitskräften in Österreich. 

Seither ist klar: Der demografische Wandel ist nicht länger eine abstrakte Zukunftsprognose, sondern eine akute Herausforderung. Die Bevölkerungsentwicklung in Österreich macht das in nackten Zahlen deutlich.

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung im Süden des Landes. Bis 2050 wird die Erwerbsbevölkerung in Kärnten um 16,6 Prozent zurückgehen, in der Steiermark um 10,7 Prozent. Damit trifft es den Süden Österreichs härter als den Rest des Landes. Auch das Burgenland verliert knapp zehn Prozent seiner Arbeitskräftebasis.
 

Nur Wien kann sich dieser Entwicklung entziehen und wächst weiter. Für Südösterreich bedeutet das eine strukturelle Verschiebung, die nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesellschaftliche Folgen hat. Der Rückgang der Erwerbsbevölkerung fällt hier mehr als doppelt so stark aus wie im Bundesdurchschnitt.

Nie mehr die wichtigsten lokalen Wirtschaftsnachrichten aus dem Süden Österreichs verpassen. Abonnieren Sie unseren wöchentlichen Newsletter!

  • Josef Herk, Präsident der WK Steiermark
    „Die demografische Lücke ist nicht nur quantitativ schwer zu schließen, sondern auch qualitativ“

    Josef Herk, Präsident der WK-Steiermark 

Weniger Erwerbstätige in Österreich, weniger Steuereinnahmen

Die Auswirkungen reichen weit über den Arbeitsmarkt hinaus. Denn weniger Erwerbstätige bedeuten zwangsläufig weniger Steuereinnahmen. Was auf den ersten Blick banal klingt, entwickelt sich bei genauerer Betrachtung zu einem strukturellen Problem, denn mehrere Effekte wirken gleichzeitig: 

Ältere Arbeitnehmer sind aufgrund ihrer längeren Berufserfahrung meist besser bezahlt und leisten entsprechend höhere Steuerbeiträge. Wenn sie in Pension gehen und durch jüngere, geringer entlohnte Arbeitskräfte ersetzt werden, sinkt das Steueraufkommen zusätzlich, während die Pensionskosten steigen.
 

Damit entsteht eine doppelte Belastung: weniger Steuerzahler und gleichzeitig geringere Beiträge pro Kopf. Besonders betroffen sind die Einnahmen aus Lohn- und Einkommensteuer – zentrale Säulen der staatlichen Finanzierung. 

In den letzten Jahren sind diese Einnahmen zwar gestiegen, doch dies ist ein Effekt, der auf die hohen Lohnabschlüsse infolge der starken Inflation in Österreich zurückzuführen ist. In den nächsten Jahren wird es hier einen Sättigungseffekt geben. Das heißt: Die Steuereinnahmen werden trotz Inflationsanpassung durch die Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung ab einem gewissen Punkt rückläufig werden.

Braucht Österreich Vermögenssteuer & Erbschaftssteuer? – 4 Mythen unter der Lupe

Die demographische Entwicklung: Bevölkerungsprognosen für Österreich.

- © Statistik Austria

Gemeinden im finanziellen Würgegriff

Für Gemeinden wird diese Entwicklung besonders brisant. Ihre wichtigste Einnahmequelle ist die Kommunalsteuer, die direkt von der Zahl der Beschäftigten abhängt. Sinkt die Beschäftigung, sinken auch die Einnahmen.

Budget Österreich: Wie verantwortlich sind die Gemeinden?
 

In vielen Regionen Kärntens und der Steiermark ist dieser Effekt bereits spürbar. Gemeinden sehen sich mit rückläufigen Budgets konfrontiert, während gleichzeitig die Anforderungen – etwa im Bereich Infrastruktur oder Pflege – steigen.
 

Das Problem: Es gibt bislang weder umfassende Konzepte noch belastbare Berechnungen, wie diese Ausfälle langfristig kompensiert werden können.

Wissenstransfer in Gefahr: Der stille Verlust der Babyboomer-Generation

Neben den finanziellen Auswirkungen droht ein weiterer, oft unterschätzter Effekt: der Verlust von Know-how. Mit dem Ausscheiden der Babyboomer-Generation verlieren Unternehmen nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Erfahrung, Netzwerke und betriebliches Wissen.


Josef Herk, Präsident der Wirtschaftskammer Steiermark, warnt: „In den kommenden Jahren droht uns ein ungemeiner Know-how-Verlust." Die demografische Lücke sei nicht nur quantitativ schwer zu schließen, sondern auch qualitativ.

Lesen Sie hier, welche Form der Pensionsreform Herk fordert
 

Damit wird der Fachkräftemangel zu einer Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen müssen nicht nur neue Mitarbeiter finden, sondern auch den Wissenstransfer sichern. Es sei daher mittel- und langfristig von entscheidender Bedeutung, dass Menschen länger im Erwerbsleben bleiben, so Herk. So würden sich die qualitative und die quantitative Lücke nicht zu rasch vergrößern.


Jürgen Mandl, Präsident der Wirtschaftskammer Kärnten, sieht für sein Bundesland die Bedeutung von älteren ArbeitnehmerInnen sogar massiv steigen: „Wir wissen, dass in Kärnten bis 2040 rund 50.000 Arbeitskräfte fehlen werden. Ältere Arbeitnehmer bringen Erfahrung und Stabilität. Betriebe brauchen aber Entlastung bei Lohnnebenkosten sowie flexiblere Arbeitszeitmodelle."
 

Mandl macht jedoch auch klar, dass Anreize für ältere Arbeitnehmer, im Berufsleben zu bleiben, nur eine von mehreren notwendigen Maßnahmen ist. Der demografische Wandel zwingt insgesamt zu mehr Produktivität. Digitalisierung und Automatisierung seien daher Voraussetzung. „Kärntner Betriebe sind hier vielfach gut aufgestellt", so Mandl.

  • Jürgen Mandl, Präsident der WK Kärnten, stehend an einem Tisch
    „Wir wissen, dass in Kärnten bis 2040 rund 50.000 Arbeitskräfte fehlen werden“

    Jürgen Mandl, Präsident WK-Kärnten 

Ältere Arbeitnehmer: Potenzial statt Frühpensionierung

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind aber gerade ältere, höher entlohnte Beschäftigte oft von Stellenabbau betroffen.
Herk und Mandl fordern daher gezielte Maßnahmen: geringere Lohnnebenkosten für ältere Arbeitnehmer und steuerliche Anreize, damit sich längeres Arbeiten auch für Beschäftigte lohnt.
 

Die Arbeiterkammer bringt zusätzliche Perspektiven ein. Josef Pesserl, Präsident der Arbeiterkammer Steiermark, plädiert für ein Bonus-Malus-System, das Betriebe zur Beschäftigung älterer Arbeitnehmer motiviert. Ergänzend nennt er Investitionen in Gesundheitsvorsorge und flexible Arbeitszeitmodelle.
 

In Kärnten fordert AK-Präsident Günther Goach darüber hinaus altersgerechte Arbeitsorganisation, Weiterbildungsmöglichkeiten für Beschäftigte über 50 sowie gezielte Modelle für den Wissenstransfer zwischen Generationen. 

„Der Fachkräftemangel in Kärnten zeigt, dass das vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser genutzt werden muss. Dazu braucht es alternsgerechte Arbeitsorganisation", so Goach. 

Er schlägt zum Beispiel weniger schwere Tätigkeiten und flexiblere Arbeitszeiten für ältere Arbeitnehmer vor sowie stärkere betriebliche Gesundheitsförderung und mehr Weiterbildungsmöglichkeiten für Beschäftigte ab 50. Man müsse schließlich schon dort ansetzen, bevor ArbeitnehmerInnen in ein entsprechendes Alter kommen.
 

„Die Beschäftigung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist sowohl für diese selbst, aber auch für die Unternehmen essenziell", ergänzt Pesserl von der AK-Steiermark. Es geht also auch darum, die betriebliche Voraussetzung zu gestalten, damit ältere Arbeitnehmer gesund bleiben und länger für den Arbeitsalltag sind.
 

Das verursacht im Betrieb zusätzliche Kosten, zahlt sich aber oft aus. Denn wertvolles Know-how länger im Betrieb zu halten, erhöht die Effizienz.

  • Günther Goach, Präsident der AK-Kärnten
    „Viele ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer empfinden Arbeit heute mehr als Belastung“

    Günther Goach, Präsident der AK-Kärnten 

Lehrlingsausbildung als Antwort auf den Fachkräftemangel

Parallel dazu gewinnt die Ausbildung junger Fachkräfte an Bedeutung. Das duale Ausbildungssystem gilt als Rückgrat der österreichischen Wirtschaft, doch auch hier zeigen sich zunehmend Herausforderungen.
 

Besonders kritisch sei das drohende Aus der Basislehrlingsförderung.
Dabei wäre gerade jetzt eine Stärkung der Lehre entscheidend. Sie sichert nicht nur Fachkräfte, sondern auch die Innovationsfähigkeit der Unternehmen. Ohne ausreichend Nachwuchs droht die demografische Lücke weiter zu wachsen.
 

„Die langanhaltende Rezession und der demografische Wandel haben in den vergangenen Jahren auch in der Lehre Spuren hinterlassen. Massiv steigende Kosten und eine angespannte, schwer planbare Auftragslage führen derzeit dazu, dass von der Ausbildung junger Menschen Abstand genommen wird", warnt Herk. Es müsse daher ein Unterstützungssystem für die Betriebe aufgebaut werden, um die teils stark steigenden Kosten für die Lehre abzufedern.

  • Josef Pesserl, Präsident AK-Steiermark
    „Die Beschäftigung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist sowohl für diese selbst, aber auch für die Unternehmen essenziell“

    Josef Pesserl, Präsident AK-Steiermark 

Koralmbahn als Chance für den Arbeitsmarkt im Süden

Ein möglicher Ausweg liegt in der besseren Vernetzung von Arbeitsmärkten. Die Koralmbahn könnte hier eine Schlüsselrolle spielen, indem sie Kärnten und die Steiermark enger verbindet.
 

Mandl spricht von einem „Gamechanger": Mit der AREA Süd entsteht ein gemeinsamer Arbeitsmarkt mit rund 900.000 Menschen. Kürzere Pendelzeiten erweitern das Einzugsgebiet für Fachkräfte und eröffnen neue Möglichkeiten für Unternehmen.
 

Doch auch hier gilt: Infrastruktur allein reicht nicht. Entscheidend ist der Ausbau ergänzender Verkehrssysteme, um die Mobilität tatsächlich zu erhöhen.

Digitalisierung und Automatisierung als Überlebensstrategie

Langfristig wird sich der Arbeitskräftemangel aber nicht vollständig kompensieren lassen. Unternehmen müssen daher lernen, mit weniger Personal auszukommen – und gleichzeitig ihre Produktivität zu steigern.
 

Digitalisierung und Automatisierung werden dabei zum zentralen Instrument. „Der demografische Wandel zwingt uns zu mehr Produktivität", sagt Mandl. Viele Betriebe seien bereits auf einem guten Weg, andere stünden noch am Anfang.
 

Auch Herk sieht in der Digitalisierung einen entscheidenden Hebel, insbesondere für Industrie und wissensintensive Dienstleistungen. Initiativen wie der Digital Innovation Hub Süd sollen Unternehmen bei der Transformation unterstützen.
 

Trotz aller technologischen Fortschritte wird qualifizierte Zuwanderung unverzichtbar bleiben. „Am qualifizierten Zuzug führt kein Weg vorbei", betont Herk.
 

Doch der Wettbewerb um Fachkräfte verschärft sich. Regionen müssen sich zunehmend aktiv als attraktive Lebens- und Arbeitsstandorte positionieren. Kärnten setzt hier etwa auf seine Lebensqualität und gezielte Programme zur Anwerbung internationaler Fachkräfte.

Warum die Steiermark bei Expats immer beliebter wird

Arbeit im Wandel: Was Beschäftigte in der alternden Gesellschaft brauchen

Der demografische Wandel verändert auch die Einstellung zur Arbeit selbst. Für viele Beschäftigte verliert sie an Attraktivität – nicht zuletzt aufgrund steigender Belastungen und unsicherer Perspektiven.
 

Pesserl fordert daher eine stärkere Ausrichtung auf sinnstiftende, faire und gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen. „Arbeit ist ein wesentlicher Beitrag für das Funktionieren und Wohlergehen einer Gesellschaft. Hierzu ist es jedoch notwendig, dass diese möglichst sinnstiftend unter fairen, gut bezahlten und gesunden Bedingungen erbracht werden kann. Damit sich Leistung lohnt, braucht es eine gerechtere Verteilung der Steuerlast. Diese Faktoren sowie die erwähnten Anreize verschaffen der Arbeit gerade auch in einer alternden Gesellschaft den notwendigen Stellenwert."
 

Goach spricht von einem notwendigen Paradigmenwechsel hin zu einer lebensphasenorientierten Arbeitsgestaltung. „Viele ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer empfinden Arbeit heute mehr als Belastung – durch prekäre Bedingungen, fehlende Weiterbildung und Abbau in restrukturierenden Betrieben. Das führt dazu, dass die Motivation für längeres Arbeiten abgeschwächt wird. Arbeit muss erfüllend und gesundheitsfördernd über den Alterungsprozess gestaltet werden. Eine alternde Gesellschaft erfordert den Paradigmenwechsel von einem Ausbeutungsmodell bis zur Pension hin zu einem Modell der lebensphasenorientierten Gestaltung", plädiert Goach.

🔎 Noch mehr Wirtschaftseinblicke?

Folgen Sie uns auf LinkedIn und bleiben Sie über aktuelle Themen, spannende Interviews und Trends aus der Wirtschaft immer auf dem Laufenden!