Digitalisierung Steiermark und Kärnten : Kommt jetzt Superzyklus an KI-Investitionen in Südösterreich?
Inhalt
- Digitale Transformation und der „Return of Investment“
- Digitale Transformation muss Priorität für Politik werden
- Forschungsstandort hat keine Zeit zum Ausruhen
- Countdown für „Autonome Fabrik“ läuft
- KI-Turbo für KMU
- Öffentliche Hand gefordert: Infrastruktur und Bildung
- Künstliche Intelligenz ist Chefsache
Selbst Weiterbildungsangebote hinken dem Fachkräfte-Bedarf hinterher, so Unternehmen.
- © peopleimages.comDie Steiermark und Kärnten sind durch die Präsenz zahlreicher Forschungseinrichtungen und namhafter Unternehmen für die digitale Transformation in Österreich besonders gut aufgestellt.
Allerdings leiden beide Bundesländer unter dem größten Digitalisierungsdruck.
Nach einer kürzlichen Berichterstattung der WIRTSCHAFTSNACHRICHTEN über die digitale Transformation in Südösterreich, wurden wir von mehreren Unternehmerinnen und Unternehmer kontaktiert. Sie erzählten uns, warum das Thema für sie so wichtig ist und bei ihnen so viel Sorge auslöst.
Der hohe Digitalisierungsdruck liegt im demographischen Wandel beider Bundesländer begründet. Der Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung ist in Kärnten und der Steiermark besonders stark. Bis 2050 wird diese in Kärnten laut Statistik Austria um 16,6 Prozent und in der Steiermark um 10,7 Prozent zurückgehen.
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Lohnkosten sind in den letzten fünf Jahren um rund 30 Prozent gestiegen und die Arbeitsproduktivität ist rückläufig. Der Fachkräftemangel ist daher ein Dauerbrenner.
„Ohne Produktivität durch Digitalisierung zu kompensieren, sind wir bei den Stückkosten nicht mehr konkurrenzfähig“, so ein Unternehmer, mit dem wir Hintergrundgespräche führen durften.
Zudem habe sich die technologische Entwicklung rasant beschleunigt, sodass sich die Qualifikations-Anforderungen gerade massiv verändern. KI-Kompetenz steht gerade hoch im Kurs. Doch wie wir in Hintergrundgesprächen erfahren konnte, gibt es für einige bedeutende Unternehmen in Südösterreich inzwischen eine bittere Erkenntnis.
„Was wir an KI-Kompetenzen brauchen, finden wir so schnell am Arbeitsmarkt nicht. Selbst Weiterbildungsangebote hinken dem Bedarf hinterher“, so ein Geschäftsführer gegenüber den Wirtschaftsnachrichten.
5 Top-Experten: Wie Unternehmen und Politik digitale Wettbewerbsfähigkeit sichern müssen
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„Um KI wettbewerbsbegünstigend einsetzen zu können, benötigt man Fachkräfte, Rechenressourcen, Zugang zu Daten sowie Umsetzungsbegleitung für KMUs“Heinz Mayer, Geschäftsführer Joanneum Research
Digitale Transformation und der „Return of Investment“
Hinzu kommt, dass die digitale Transformation andernorts wesentlich schneller abläuft. Angesichts der demographischen Situation sind Investitionen in die digitale Transformation vor allem in Robotik, Automatisierung und Autonomisierung sowie in KI-Anwendungen massiv entscheidend, damit der Standort Steiermark bzw. Kärnten international nicht an Wettbewerbsfähigkeit verliert.
Was mittelfristig passiert, wenn die digitale Transformation nicht schneller vorangetrieben wird, bringt ein CEO eines Exportbetriebs auf den Punkt:
„Wenn wir öffentlich sagen, dass wir bis 2035 volle Auftragsbücher haben, dann klingt das super. Was wir nicht miterzählen, ist, dass wir unsere Aufträge teilweise gar nicht früher abarbeiten können, weil uns die Kapazitäten fehlen und keine Fachkräfte finden. Die internationale Konkurrenz kann aber teilweise ähnliche hohe Auftragsvolumen vorweisen und einige Marktteilnehmer können diese in der Hälfte der Zeit abwickeln, weil sie viel stärker digitalisiert sind.“
RLB Steiermark Konjunkturgespräch: Digitale Transformation und KI prägen Zukunft
Das führe in weiterer Folge auch dazu, dass der Return of Investment für wettbewerbsfördernde Investitionen bei der internationalen Konkurrenz wesentlich früher eintrete als bei unseren heimischen Unternehmen.
Und noch etwas brachte jener CEO in unserem Hintergrundgespräch deutlich auf den Punkt: „Noch sind wir Technologieführer am Markt – doch das Tempo, mit dem die internationale Konkurrenz, etwa aus China aber auch aus Indien, aufholt, ist besorgniserregend.“
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„Das Thema sollte direkt in der Führungsebene angesiedelt sein. Dazu braucht es eine entsprechende Unternehmens- und Lernkultur.“Hermann Erlach, Geschäftsführer Microsoft Österreich
Digitale Transformation muss Priorität für Politik werden
Angesichts dieser Entwicklungen braucht es ein Commitment aller Parteien, dass auch öffentliche Infrastrukturinvestitionen wie Breitbandausbau, Rechenzentren etc. Priorität gewinnen müssen.
Der steirische SPÖ-Chef Max Lercher fordert deshalb auch, dass die EU-Maastrichtkriterien für wichtige Infrastrukturausgaben aufgehoben werden. „Hier geht es um unsere Sicherheit, unseren Wohlstand und um Arbeitsplätze“, so Lercher auf einer Pressekonferenz Ende Mai.
Dass die Zeit drängt, unterstreicht auch Helmut Röck, Fachgruppengeschäftsführer der Metalltechnischen Industrie in der Sparte Industrie der WK-Steiermark: „Wir brauchen flächendeckendes, schnelles Internet – nicht nur in Städten. Dazu moderne, leistungsstarke Rechenzentren sowie eine umfassende praxisnahe Digitalbildung. Nur so kann KI wirklich in der Breite der Gesellschaft ankommen und zum Motor für Wertschöpfung und Innovation werden."
Röck ermutigt auch heimische Betriebe ausdrücklich, sich mit KI zu beschäftigen: „Steirische Betriebe sollten sich frühzeitig mit KI beschäftigen, passende Anwendungen identifizieren und Mitarbeitende gezielt qualifizieren. Wichtig ist, mit kleinen, machbaren Projekten zu starten. Wer heute in Know-how und Datenkompetenz investiert, kann morgen effizienter arbeiten und echten Mehrwert schaffen.“
Laut Röck habe die Steiermark mit innovativen Betrieben und starken Forschungseinrichtungen enormes Potenzial. „Aber ohne rasche Investitionen in Infrastruktur und Fachkräfte riskieren wir, den Anschluss zu verlieren“, so Röck.
Dann drohe Abwanderung von Know-how und sinkende Wettbewerbsfähigkeit im globalen Umfeld.
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„Eine KI-Strategie muss immer langfristig gedacht werden – mit klaren Business Cases, passenden Datenstrukturen und entsprechender Infrastruktur für die nächsten fünf bis zehn Jahre.“Joachim Sigl, Account Manager Simulation & Design, Altair
Forschungsstandort hat keine Zeit zum Ausruhen
Die Steiermark ist mit ihrer starken Industrie und ihren exzellenten Forschungseinrichtungen gut positioniert. Eine der wichtigsten Forschungsbetriebe mit Standorten in Kärnten und der Steiermark ist Joanneum Research.
Geschäftsführer Heinz Mayer macht aber deutlich, dass es keine Zeit zum Ausruhen gibt: „Um KI wettbewerbsbegünstigend einsetzen zu können, benötigt man Fachkräfte, Rechenressourcen, Zugang zu Daten sowie Umsetzungsbegleitung für KMUs. Werden diese Punkte nicht adressiert, und keine Investitionen getätigt, droht der Verlust der Innovationskraft am Standort“, so Mayer.
Der Schlüssel liege für ihn vor allem darin, Künstliche Intelligenz nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu verstehen. Unternehmen müssen den digitalen Wandel aktiv gestalten und Kompetenzen für den Einsatz von KI-Werkzeugen aufbauen. Entscheidend sei, dass der Wille zur Veränderung Teil der Unternehmenskultur wird.
„Die Forschungslandschaft in der Steiermark und Kärnten – mit Universitäten, FHs und Forschungsinstitutionen – bietet einen klaren Standortvorteil für Forschung und Entwicklung. Einerseits gibt es jahrelange Erfahrung in der Entwicklung von innovativen Produkten auf Basis von Methoden der KI; andererseits finden KI-Lösungen in der produzierenden Industrie und Wirtschaft Anwendung, die direkt aus der Forschung kommen. Dabei spielen etablierte hochinnovative Unternehmen genauso wie Startups eine wesentliche Rolle“, betont Mayer.
Künstliche Intelligenz sei inzwischen ein zentrales Thema in der Joanneum Research. In manchen Instituten basiert bereits nahezu jedes Projekt auf KI – vom klassischen maschinellen Lernen bis zum Einsatz von großen Sprachmodellen.
„Dank jahrzehntelanger Expertise treiben wir modernste KI-Systeme nicht nur in der Forschung voran, sondern bringen sie auch gezielt in die Anwendung. Beispielsweise bringen wir den Straßentunneln mit KI das Hören bei, um damit die Sicherheit zu erhöhen, oder Fertigungsanlagen das Sehen, damit eine 0-Fehler-Produktion ermöglicht wird“, so Mayer.
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„Steirische Betriebe sollten sich frühzeitig mit KI beschäftigen, passende Anwendungen identifizieren und Mitarbeitende gezielt qualifizieren“Helmut Röck, Fachgruppengeschäftsführer der Metalltechnischen Industrie in der Sparte Industrie der WK-Steiermark
Countdown für „Autonome Fabrik“ läuft
Dass gerade jetzt die Zeit für Investitionen in die digitale Transformation ist, weiß auch Herbert Tanner, Leiter der Softwareentwicklung im Bereich „Digital Industries“ sowie Standortleiter in Graz und Klagenfurt von Siemens Österreich.
KI und Robotik werden laut ihm zentrale Treiber der Transformation in der Produktion sein.
„In zehn Jahren wird die moderne Fabrik vernetzt und autonom agieren: KI optimiert Prozesse in Echtzeit, während Robotik Flexibilität und Präzision verbessert. Edge Computing und Iot (Internet of Things) ermöglichen datenbasierte Entscheidungen vor Ort“, beschreibt Tanner die Richtung der zukünftigen Entwicklung.
Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz stünden dabei im Fokus mit digitalisierten Lieferketten und personalisierter Fertigung. Und Tanner betont: „Mensch und Maschine agieren als Team für maximale Wertschöpfung.“
Doch: „Wir müssen nichts beschönigen – nicht nur Kärnten und die Steiermark haben ein Attraktivitätsproblem für die Industrie, speziell im Hinblick auf Energie- und Lohnstückkosten. Auf der anderen Seite ist gerade Südösterreich eine sehr gute Referenz etwa im Hinblick auf öffentlich geförderte COMET-Zentren, die anwendungsorientierte Spitzenforschung auf höchstem Niveau mit Universitäten und Industriepartnern erlaubt“, so Tanner.
Er betont, dass es hier unbedingt eine weitere Priorisierung auf KI geben muss. „Die Konsequenzen, wenn wir das nicht tun, möchte ich mir gar nicht vorstellen."
Tanner sieht auch eine Reihe von Aufgaben für die öffentliche Hand: „Der Ausbau des Glasfaser-Breitbandnetzes ist die Grundlage für weitere Digitalisierung. Investitionen in leistungsfähige Rechenzentren und Edge-Infrastruktur sind mindestens genauso wichtig wie Förderprogramme für die digitale Transformation der Unternehmen. Ausbildung und Weiterbildung im Bereich KI sollte schon früh im Bildungsbereich verankert werden und zudem braucht es klare rechtliche Rahmenbedingungen und Standards, um Innovation und Datenintegration effektiv umsetzen zu können."
Mit der kommenden Koralmbahn sieht er auch das Potenzial, dass sich beide Bundesländer wesentlich besser vernetzen und zu einer neuen Wirtschaftsregion heranwachsen.
KI-Turbo für KMU
Während große milliardenschwere Konzerne wie Siemens oder Andritz die KI-Revolution bereits aktiv angehen – Andritz setzt etwa gemeinsam mit Microsoft eine autonome Fabrik um –, hinken Klein- und Mittelunternehmen (KMU) in Österreich noch stark bei der digitalen Transformation hinterher.
KMU-Betriebe stellen aber insgesamt die höchste Wertschöpfung, stemmen die meisten Steuereinnahmen und schaffen einen Großteil der Arbeitsplätze im Land. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es daher entscheidend, dass die digitale Transformation vor allem bei den KMU-Betrieben ankommt und der „KI-Turbo“ gezündet wird. Doch wie können insbesondere kleine und mittlere Unternehmen die Chancen dieser Technologien nutzen?
Joachim Sigl, Account Manager Simulation & Design beim Technologieanbieter Altair, einem der weltweit führenden Unternehmen bei KI-Anwendungen in der Produktionsentwicklung mit einem Sitz in Graz, gibt Einblick in Strategien, Infrastrukturbedarfe und konkrete Unterstützungsmöglichkeiten für Betriebe.
„Gerade für KMUs ist es entscheidend, die gesamte Belegschaft in die digitale Transformation einzubeziehen“, betont Sigl.
Vertrauen in die Technologie sei eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche KI-Projekte. Der erste Schritt: sinnvolle Anwendungsfälle identifizieren und hinsichtlich des Nutzens und Umsetzbarkeit bewerten.
Für die praktische Umsetzung empfiehlt Altair eine Kombination aus externer Expertise und interner Weiterbildung. Wichtig sei auch, KI-Kompetenz gezielt im Unternehmen aufzubauen – etwa mithilfe von Plattformen wie Altair RapidMiner, die eine unternehmensweite Nutzung von Daten ermöglichen.
„Eine KI-Strategie muss immer langfristig gedacht werden – mit klaren Business Cases, passenden Datenstrukturen und entsprechender Infrastruktur für die nächsten fünf bis zehn Jahre“, so Sigl.
Öffentliche Hand gefordert: Infrastruktur und Bildung
Neben technischen Herausforderungen ist die Finanzierung neuer Technologien vor allem für kleinere Betriebe oft ein Stolperstein. Förderprogramme spielen daher eine zentrale Rolle bei der Umsetzung erster KI-Projekte.
Darüber hinaus sieht Sigl auch die Politik in der Pflicht: „Ein flächendeckender Breitbandausbau, moderne Rechenzentren und frühzeitige KI-Bildung an Schulen sind entscheidende Hebel, um Südösterreich langfristig wettbewerbsfähig zu halten.“
Die steirische Wirtschaft habe das Potenzial von KI erkannt. Auch KMUs investieren laut Sigl zunehmend in KI-Technologien und entwickeln erste Strategien.
„Doch wer jetzt nicht investiert, riskiert, international den Anschluss zu verlieren“, warnt der Digitalisierungsexperte.
Künstliche Intelligenz ist Chefsache
Auch für Hermann Erlach, Geschäftsführer von Microsoft Österreich, ist klar: „Das Thema sollte direkt in der Führungsebene angesiedelt sein. Dazu braucht es eine entsprechende Unternehmens- und Lernkultur sowie ein unterstützendes Schulungskonzept für Mitarbeitende, um alle mitzunehmen."
Zudem sei eine moderne digitale Infrastruktur unerlässlich. Microsoft selbst investiert in den Standort Österreich und errichtet derzeit eine eigene Rechenzentrumsregion rund um Wien.
Doch Technologie allein reiche nicht aus. Entscheidend sei der Aufbau eines funktionierenden Ökosystems, wie es etwa in der firmeneigenen AI Innovation Factory in Wien realisiert werde. Der Austausch zwischen Unternehmen, Forschung und Politik müsse gezielt gefördert werden.
Erlach sieht Österreich – insbesondere auch die Steiermark durch Unternehmen wie Andritz oder AVL – im Bereich industrieller KI-Anwendungen bereits gut aufgestellt. Beide steirischen Vorzeigebetriebe nutzen KI, um Prozesse effizienter, ressourcenschonender und nachhaltiger zu gestalten. Dennoch warnt auch er: Bleiben notwendige Investitionen in KI und Digitalisierung aus, drohen langfristig Wettbewerbsnachteile für den Standort. Steiermark und Kärnten müssen sich also beeilen, den globalen Investitions-Superzyklus bei KI nicht zu verpassen.