Konjunktur Österreich : Wie sehr braucht Österreich Deutschland – und was braucht es noch?
Inhalt
- Wie abhängig ist Österreich von Deutschland?
- Handelsvolumen steigt: Österreich und Deutschland auf Erholungskurs
- Warenaustausch: Westösterreich und Deutschland
- Strukturelle Reformen als Wachstumsfaktor: Was die Wirtschaft braucht
- Wie Deutschlands Probleme zu Österreichs werden
- Wirtschaftliche Souveränität durch Energiewende und Marktreformen
Bildmitte: Hans Dieter Pötsch, DHK Präsident sowie Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG und Vorstandsvorsitzender der Porsche SE links im Bild: Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK)
- © Günther PeroutkaDie wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Österreich und Deutschland hat sich in den vergangenen Monaten belebt. Doch um diesen Aufschwung langfristig zu sichern, braucht es deutlich ambitioniertere Maßnahmen in der Wirtschaftspolitik.
Das unterstrichen am Rande einer Jahrespressekonferenz der Deutschen Handelskammer in Österreich hochrangige VertreterInnen aus Politik und Wissenschaft.
Hans Dieter Pötsch, Präsident der DHK und Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG, sowie Vorstandsvorsitzender der Porsche SE, machte konkrete Forderungen deutlich: „Wir brauchen deutlich mehr Tempo – bei Genehmigungen, bei Investitionen und im Bildungssystem." Bei nur verhaltener konjunktureller Erholung sei entschlossenes Handeln erforderlich.
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Wie abhängig ist Österreich von Deutschland?
Deutschland ist die größte Volkswirtschaft innerhalb der EU. Österreich zählt zu den wohlhabendsten Ländern der Staatengemeinschaft.
„Österreich ist weniger vom deutschen Konjunkturzyklus abhängig, vielmehr hängen wir gemeinsam mit Deutschland am internationalen Konjunkturzyklus, weil beide die gleichen Märkte bedienen oder über dieselben Lieferketten miteinander verflochten sind“, erklärt Marcus Scheiblecker, Senior Economist und Mitglied der Forschungsgruppe Makroökonomie und öffentliche Finanzen des Wirtschaftsforschungsinstituts.
Zur geografischen Verdeutlichung: Die Grenzregionen zwischen Österreich und Deutschland erstrecken sich von der Donau im Osten über die Salzach-Inn-Regionen bis zum Bodensee im Westen auf einer Gesamtlänge von über 800 Kilometern.
Handelsvolumen steigt: Österreich und Deutschland auf Erholungskurs
Die Statistiken deuten auf eine positive Trendwende hin. Nach Rückgängen in den Jahren 2023 und 2024 ist das bilaterale Handelsvolumen 2025 wieder angewachsen. Laut Destatis legte es um 4,1 Prozent auf 134,1 Milliarden Euro zu.
Die deutschen Exporte nach Österreich erreichten knapp 80 Milliarden Euro, während die Importe aus Österreich auf 54,1 Milliarden Euro kletterten.
Pötsch warnte jedoch vor Selbstzufriedenheit: „Diese Entwicklung ist ermutigend, aber keineswegs selbstverständlich. Neue geopolitische Konflikte dürfen daher kein Vorwand für Reformstillstand sein – sie müssen im Gegenteil ein Antrieb sein, unsere strukturellen Schwächen rasch zu beheben."
Warenaustausch: Westösterreich und Deutschland
Deutschland ist für die westlichen Bundesländer Salzburg, Tirol und Vorarlberg der wichtigste Exportpartner.
Salzburgs Exportvolumen nach Deutschland machte 2023 insgesamt 3,8 Milliarden Euro aus und betrug 28 Prozent des gesamten Salzburger Exportvolumens. Zum Vergleich: Auf Platz zwei folgen weit abgeschlagen die USA mit etwas mehr als zehn Prozent.
Das Exportaufkommen Tiroler Unternehmen nach Deutschland ist mit dem der Salzburger vergleichbar. Im Jahr 2022 gingen Waren im Wert von rund 4,9 Milliarden Euro, das sind fast 30 Prozent aller Tiroler Exporte, zum großen Nachbarn.
„Bricht in unserem Nachbarland die Nachfrage aufgrund schwächelnder Wirtschaftsleistung ein, spüren Tiroler Unternehmen diesen Nachfragerückgang sofort, und das nicht nur in den klassischen Industriebereichen der Zulieferbetriebe der deutschen Automobilindustrie. Aufgrund der Stellung Deutschlands als wichtigstem Zielmarkt für Tiroler Produkte sind alle Sektoren der Tiroler Wirtschaft von den negativen Effekten der Rezession in Deutschland betroffen“, so IV-Tirol-Geschäftsführer Michael Mairhofer.
Auch die Vorarlberger Industriebetriebe sind in hohem Ausmaß vom Exportaufkommen nach Deutschland abhängig, sagt Christian Zoll, Geschäftsführer Industriellenvereinigung Vorarlberg.
Nach Angaben der dortigen Wirtschaftskammer „ist Deutschland mit Abstand Vorarlbergs wichtigster Handelspartner, der im Jahr 2023 allein 28 Prozent der Vorarlberger Exporte (rund 3,7 Milliarden Euro) bezog und 37 Prozent der Importe lieferte (rund 3,5 Milliarden Euro)“.
Strukturelle Reformen als Wachstumsfaktor: Was die Wirtschaft braucht
Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), formulierte eine umfassende Agenda für die kommenden Jahre. Entscheidend seien vier Kernpunkte:
- wettbewerbsfähige Energiekosten
- beherrschbare Brutto-Arbeitskosten
- Abbau der Bürokratie
- widerstandsfähige Lieferketten.
Hinzu kommt die Vollendung des EU-Binnenmarktes – ein Ziel, bei dem sich Deutschland und Österreich auf europäischer Ebene gemeinsam einsetzen könnten, um nationale Barrieren und Hindernisse abzubauen sowie heterogene Regelungen zu vereinfachen.
Diese Maßnahmen sollen Deutschland und Österreich als „starken Motor innerhalb Europas" positionieren und ihre enge wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter vertiefen.
Wie Deutschlands Probleme zu Österreichs werden
Als besonders standortschädlich hat sich die deutsche Energiepolitik der vergangenen Jahre gezeigt. Die ohnehin schon angeschlagene deutsche Automobilindustrie hat wegen der hohen Energiekosten auf dem Weltmarkt ihre Konkurrenzfähigkeit weitgehend eingebüßt.
Österreich wird aufgrund der Verflechtungen über die vielen Zulieferer mit hineingezogen. Durch die räumliche Nähe in den Grenzregionen werden die Fehlentwicklungen stärker wahrgenommen. Die schnell gestiegenen Arbeitslosenzahlen vom Innviertel bis an den Bodensee sprechen eine deutliche Sprache.
Wirtschaftliche Souveränität durch Energiewende und Marktreformen
Gabriel Felbermayr, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO, betont das ungenutzte Potenzial des europäischen Binnenmarktes (hier auch in einem Interview). Aufgrund der aktuellen Irankrise prognostiziert er für beide Länder allerdings nur ein schwaches Wachstum nahe der Stagnation. Daher wird eine tiefgreifende Reformagenda in zahlreichen Bereichen notwendig.
Der Umbau des Energiesystems nimmt dabei eine Schlüsselposition ein. Für Felbermayr ist das nicht bloß eine klimapolitische Notwendigkeit, sondern ein zentraler Hebel zur Stärkung der wirtschaftlichen Souveränität.
Seine Position zur Umsetzung ist klar: „Um hier voranzukommen, sollten wir wieder stärker auf Marktprozesse und Eigenverantwortung setzen. Und aufhören, die zentralen Grundlagen unserer Wirtschaftsordnung in Frage zu stellen."
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