Maschinenbau Österreich : Maschinenbau Österreich am Wendepunkt: Strategien gegen die Deutschland-Falle

2 Techniker im Maschinenbau montieren eine Gasturbine für die Energiewirtschaft
© adobe stock/industrieblick

Die österreichischen Maschinenbauer, mit einem Jahresumsatz von rund 30 Milliarden Euro weltweit und etwa 100.000 Beschäftigten in Österreich, stehen für Stabilität und Anpassungsfähigkeit. 

Die Welt benötigt innovative Fertigungsstraßen, Papiermaschinen und Wasserkraftwerke – Bereiche, in denen österreichische Anlagenbauer zur Weltspitze zählen.
 

Doch der österreichische Maschinenbau ist weit mehr. Hochspezialisierte Lösungen etwa für die Kunststoffverarbeitung, Verpackungsmaschinen, Spritzgussanlagen, Werkzeugmaschinen, Hightech-Prüfstände, Textilmaschinen oder mobile Forstmaschinen „Made in Austria" sind international gefragt und in zahlreichen Märkten ein Garant für österreichischen Exporterfolg.
 

Hinter diesen Zahlen stehen Namen, die weltweit Standards setzen: Der steirische Anlagenbauer, dessen Papiermaschinen und Wasserkraftwerke von Brasilien bis China laufen. Der Salzburger Kranhersteller, dessen Ladekräne auf jedem Kontinent im Einsatz sind. Oder die Vorarlberger Seilbahnpioniere, die den globalen Markt dominieren.

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Auswirkungen Automobilzulieferindustrie auf Maschinenbau

Die Automobilzulieferindustrie kämpft mit massiven Herausforderungen – von steigender Zinslast über Abhängigkeiten von einzelnen Fahrzeugherstellern oder Ländern bis hin zu disruptiven Technologien. Doch die beiden Branchen sind enger miteinander verflochten, als es auf den ersten Blick scheint. Viele Maschinenbauer liefern direkt in die Automobilindustrie und sind damit Teil derselben Wertschöpfungskette.


Die Divergenz zwischen beiden Branchen lässt sich in einem Bild zusammenfassen: Der Maschinenbau gleicht einem Spinnennetz – viele Fäden, viele Verankerungen. Reißt einer, hält das Netz. Die Automobilzulieferer hingegen hängen an wenigen dicken Seilen. Reißt Deutschland, reißt alles. Und Deutschland reißt gerade.

Ein erfolgreiches Maschinenbauunternehmen aus Österreich feierte gerade sein 175-jähriges Bestehen.

  • Stefan Rathausky, Senior Director bei Alvarez & Marsal
    "Im Automobilzulieferbereich sitzen 900 Unternehmen mit mehr als 80.000 Beschäftigten in einer systemischen Falle. Über 60 Prozent ihrer Exporte gehen nach Deutschland – ein Konzentrationsrisiko, das aktuell voll durchschlägt."

    Stefan Rathausky, Senior Director bei Alvarez & Marsal

Automobilzulieferer Österreich: Die 60-Prozent-Deutschland-Falle

Der Maschinenbau bleibt trotz Margenerosion relativ stabil, während die Automobilzulieferindustrie mit existenziellen Herausforderungen kämpft. Diese Divergenz ist kein Zufall – sie folgt einer unterschiedlichen Abhängigkeitsarchitektur.
 

1.400 Maschinenbaubetriebe haben gelernt, Risiken zu streuen. Das Exportportfolio ist bewusst breit aufgestellt: 25 Prozent der Exporte gehen nach Deutschland, jeweils 10 Prozent in die USA und nach China, der Rest verteilt sich weltweit. Mit einer Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent verfügen sie über Finanzierungsspielraum.
 

Dennoch stehen sie unter enormem Druck. Die EBIT-Quote des Maschinenbaus hat sich seit 2021 mehr als halbiert – direktes Resultat einer Squeeze-Dynamik: Energiekosten liegen doppelt so hoch wie in USA oder China, während chinesische Konkurrenz mit Niedrigpreisen in europäische Märkte drängt. 

Die Folgen: Jedes fünfte Unternehmen plant Personalabbau, 40 Prozent erwägen Standortverlagerungen. Im Automobilzulieferbereich sitzen 900 Unternehmen mit mehr als 80.000 Beschäftigten in einer systemischen Falle. Über 60 Prozent ihrer Exporte gehen nach Deutschland – ein Konzentrationsrisiko, das aktuell voll durchschlägt.

Kapitalkrise bei Automobilzulieferern verschärft sich

Die Kapitalbasis ist kollabiert. Der operative Cashflow als Anteil am Umsatz hat sich seit 2019 mehr als halbiert. Das Eigenkapital ist geschrumpft, während das Fremdkapital seit 2019 um 38 Prozent wuchs. Das Schulden-Eigenkapital-Verhältnis kletterte auf 2,8. Unternehmen müssen 40 Prozent ihres Ergebnisses vor Steuern für Zinsen aufbringen. Diese Unterkapitalisierung macht jede unerwartete Störung zur Liquiditätskrise.


Die Arbeitslosigkeit in der Branche stieg 2023–2024 um 45 Prozent – doppelt so hoch wie im Manufacturing-Sektor insgesamt, vierfach so hoch wie in der Gesamtwirtschaft. Das Jahr 2025 sieht nicht besser aus.


Die OEM-Abhängigkeit versperrt den Ausweg. Plattformstreichungen, Volumsreduktionen und SOP-Verschiebungen drehen die Business Cases ins Negative. Transformationsinvestitionen in Elektromobilität sind oft erzwungen, nicht gewählt – und kaum refinanziert. Die strukturelle Asymmetrie ist deutlich: Maschinenbauer gewinnen durch Diversifikation, Zulieferer verlieren durch Abhängigkeit.


Doch auch hier gibt es Lichtblicke: Unternehmen, die frühzeitig auf Elektrifizierung, Batterietechnologien und Softwarelösungen für autonomes Fahren setzten, erschließen neue Märkte.

Drei Hebel für österreichische Industrieunternehmen

Gute Ideen haben viele. Entscheidend ist die Umsetzung. Liquidität vor Wachstum.

Startpunkt ist die Sicherung der Liquidität – nicht in drei Monaten, sondern jetzt. Frühzeitige Bankengespräche, rigoros durchforstete Kostenstrukturen und die Nachverhandlung bestehender Kundenverträge schaffen Spielraum. Es darf keine heiligen Kühe mehr geben: Jeder Posten wird auf den Prüfstand gestellt, jede Investition muss sich rechtfertigen. Das klingt hart, ist aber die Voraussetzung dafür, überhaupt handlungsfähig zu bleiben.


Ein international erfolgreicher Industriekonzern hatte seine Vertriebs- und Verwaltungskosten (SG&A) jahrelang stiefmütterlich behandelt. Weil dieser Kostenblock zum Gesamtaufwand nur einen vermeintlich kleinen Anteil beitrug, war er „undermanaged" – und in den letzten fünf Jahren doppelt so stark gestiegen wie der Umsatz. Wir haben kein Detail ausgelassen: Indirekte Einkaufsausgaben wurden durchleuchtet und neu verhandelt, IT-Budgets konsequent auf Werthaltigkeit geprüft, alte Übersetzungsverträge in Zeiten von KI-basierten Tools gestrichen. 

Selbst solche vermeintlichen Kleinpositionen zeigen, wie wichtig Detailschärfe ist.
Gleichzeitig wurde die HR-Organisation von einer zentralistischen, trägen Struktur in eine schlagkräftige, flexible Einheit umgebaut. In der Finanzfunktion haben wir fragmentierte Buchhaltungseinheiten konsolidiert und international neu aufgestellt. 

Das Resultat? SG&A-Kosten unter Branchenniveau, deutlich schlankere Prozesse – und vor allem ein unternehmerischer Zugewinn an Klarheit und Handlungsgeschwindigkeit.

Über den Autor

Der Autor, Stefan Rathausky, ist Senior Director bei Alvarez & Marsal. Er hat mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in börsennotierten und privaten Unternehmen und berät Unternehmen im Bereich Anlagen- und Maschinenbau und Automobilzulieferer.

Portfolio-Disziplin und „Fix, Sell, Close"

Automobilzulieferer kämpfen mit einem „New Normal": OEMs streichen Plattformen, verschieben SOPs, passen Volumina an – und Zulieferer bleiben auf Entwicklungskosten und Maschineninvestitionen sitzen. Wer hier nicht regelmäßig prüft, welche Bereiche strukturell profitabel oder gefährlich abhängig von einzelnen Technologien und Kunden sind, verliert. 

Die Devise heißt „Fix, Sell, Close": Unrentable oder riskante Segmente werden restrukturiert, verkauft oder geschlossen. Nur so entstehen Ressourcen für zukunftsfähige Felder.
Gleichzeitig hilft im Tagesgeschäft eine professionelle Claims-Kultur: Datenbasiert dokumentierte Mehrkosten durch OEM-Entscheidungen müssen transparent gemacht und fair verteilt werden. Das erfordert abgestimmte Verhandlungsführung zwischen Vertrieb, Technik und Management – und den Mut, notfalls Nein zu sagen.


Ein internationaler Zulieferer hatte über Jahre in Entwicklung und Produktionsanlagen investiert, Personal massiv aufgebaut – und dann kam das böse Erwachen: Der OEM strich die Plattform. Zig Millionen versenkt, ein Scherbenhaufen. Wir mussten den Schaden minimieren, und zwar auf zwei Fronten gleichzeitig: Nach innen operative Anpassung der Kostenstruktur und Organisationseinheiten, nach außen Verhandlung mit dem OEM um Kompensation.
Die Ausgangslage war denkbar schlecht: schwache Vertragsposition, interne Schuldzuweisungen, kaum dokumentiertes Änderungsmanagement. 

Wir haben ein neu aufgestelltes Verhandlungsteam als Dreh- und Angelpunkt installiert – mit einer Stimme. Stringente Vorbereitung, datenbasierte Claims-Dokumentation und abgestimmte Verhandlungsführung waren die Erfolgsfaktoren. Das Ergebnis: Der OEM übernahm einen signifikanten Teil der Vorleistungskosten, während die Kundenbeziehung intakt blieb.

Diversifikation als Überlebensprinzip

Zahlreiche Zulieferer arbeiten deshalb aktiv am Aufbau neuer Standbeine: Absatzmärkte in Asien und den USA, „local for local"-Produktionsstrategien und gezielte M&A-Aktivitäten, um geografische oder produktbezogene Lücken zu schließen. 

Wer heute seine Kundenkonzentration nicht kennt und keine Diversifikationsziele setzt, spielt russisches Roulette. Skaleneffekte entstehen nur dort, wo man nicht von einem einzigen Markt abhängt – und die Fähigkeit, regionale Down-Zyklen zu kompensieren, entscheidet über Resilienz.

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Fazit: Jetzt handeln, nicht warten

Österreichische Unternehmer haben eine bewundernswerte Fähigkeit: Sie können jahrelang auf Vulkanen tanzen – manche sogar virtuos. Das Problem ist nur: Vulkane kündigen ihre Ausbrüche nicht an. Wer jetzt handelt – nicht morgen, nicht nächstes Quartal –, kann den Tanzplatz wechseln, bevor der Boden zu heiß wird.


Das bedeutet konkret: Geschäftsmodelle proaktiv neu ausrichten, geopolitische Risiken nicht nur beobachten, sondern aktiv steuern, und Abhängigkeiten dort abbauen, wo sie existenzbedrohend werden. Wir haben in den letzten Monaten zahlreiche Industrieunternehmen durch Zu- und Verkäufe, Kostenoptimierungen, Liquiditätsszenarien und OEM-Verhandlungsstrategien begleitet. Die erfolgreichsten handelten früh – nicht erst, wenn die Banken anrufen.


Denn eines ist sicher: Österreichs industrielle Hidden Champions haben die Substanz, um diese Krise zu meistern – wenn sie jetzt handeln.

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