Bauwirtschaft Österreich : Am Limit: Betonfertigteilwerke kämpfen – und setzen trotzdem auf Nachhaltigkeit
Inhalt
- Konjunkturbarometer: Vom vorsichtigen Optimismus zur Ernüchterung
- Wohnbau Österreich: Baubewilligungen auf Rekordtief
- Branche fordert Bauministerium und mehr Mittel für Gemeinden
- Infrastruktur und leistbarer Wohnraum als Wachstumschancen
- Betonfertigteilwerke Österreich: Regionaler Wirtschaftsfaktor mit kurzen Wegen
- Nachhaltigkeit Beton: Klimapotenziale und verankerte Betriebspraxis
- F&E-Projekte für klimakonformes Bauwesen
Die VÖB-Jahreshauptversammlung 2026 fand an einem sehr passenden Ort statt: Die Raiffeisen Arena auf der Gugl in Linz. Das Stadion wurde großteils aus Betonfertigteilen eines oberösterreichischen Unternehmens errichtet. Im Bild: Betonfertigteile der Franz Oberndorfer GmbH & CO KG.
- © Franz Oberndorfer GmbH & CO KGDie Bauwirtschaft Österreich steckt in einer tiefen Delle. Sowohl der Verband Österreichischer Betonfertigteilwerke (VÖB) als auch Beton Dialog Österreich machen auf eine sich zuspitzende Lage aufmerksam:
Baubewilligungen sinken auf historische Tiefstände, geopolitische Entwicklungen trüben die Aussichten zusätzlich ein. Und dennoch halten die Unternehmen der Branche an ihren Nachhaltigkeitszielen fest.
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Konjunkturbarometer: Vom vorsichtigen Optimismus zur Ernüchterung
Mit einem Anteil von rund acht Prozent am BIP zählt die Baubranche zu den bedeutendsten Wirtschaftssektoren Österreichs. Zu Jahresbeginn hatten sich die Mitgliedsbetriebe des VÖB noch zurückhaltend optimistisch gezeigt: Dem zuletzt veröffentlichten VÖB-Konjunkturbarometer zufolge rechneten fast 90% der Befragten für das erste Halbjahr 2026 mit einem gleichbleibenden (73,5%) oder steigenden (14,7%) Umsatz.
Diese Hoffnung verflog rasch. „Zwar waren die ersten beiden Monate des Jahres durch Dauerfrost und Schneefall ein wetterbedingter Dämpfer für die Bauwirtschaft, dennoch war die Hoffnung groß, dass wir den Tiefpunkt hinter uns gelassen haben. Für Optimismus sorgten vernünftige Energiepreise und mäßige Zinsen", sagt VÖB-Vorsitzender Michael Wardian. "Das amerikanisch-israelische Abenteuer im Nahen Osten hat vor allem im Hochbau jegliche Hoffnung zunichte gemacht. Die ursprünglichen Prognosen für die Konjunkturerholung scheinen kaum mehr erreichbar."
Wie ernst die Lage tatsächlich ist, zeigt eine Branchenumfrage im Auftrag von Beton Dialog Österreich im Februar und März 2026: 97 Prozent der Betriebe sehen die Belebung der Baukonjunktur als ihre wichtigste Priorität des laufenden Jahres. 67 Prozent nennen zusätzlich die Verbesserung der eigenen Auftragslage als zentrale Herausforderung.
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„Die heimische Baukonjunktur braucht dringend klare politische Rahmenbedingungen, damit sich die Bauwirtschaft zukunftsfit und klimagerecht transformieren kann."Anton Glasmaier, Geschäftsführer Verband Österreichischer Betonfertigteilwerke
Wohnbau Österreich: Baubewilligungen auf Rekordtief
Besonders dramatisch ist die Situation im Wohnungsbau. 2017, auf dem Höhepunkt der letzten Hochkonjunktur, wurden fast 87.000 neue Wohnungen baubewilligt. 2025 waren es nur noch 47.636 – ein Rückgang von 45 Prozent.
Bei Neubauten fiel der Einbruch mit 56 Prozent noch wuchtiger aus. „Selbst im Jahr 2009, inmitten der Wirtschafts- und Finanzkrise, gab es in Österreich mehr Baubewilligungen für neue Wohnungen als im Vorjahr", erklärt Anton Glasmaier, Vorstandsvorsitzender von Beton Dialog Österreich sowie VÖB-Geschäftsführer.
Neben dem Wohnungsbau mangelt es auch zahlreichen Gemeinden an Mitteln für dringend nötige Infrastrukturprojekte – von der Kanalisation bis zu Kindergärten. Der schwachen Konjunktur wegen fehlen auch der Industrie die Anreize für Investitionen in neue Gebäude.
„Eine geradezu toxische Mischung für unsere Betonfertigteilbranche", fasst Wardian die Gemengelage zusammen.
Branche fordert Bauministerium und mehr Mittel für Gemeinden
Die Branche richtet klare Forderungen an die Politik. 93 Prozent der Befragten wünschen sich eine stärkere Deregulierung und weiteren Bürokratieabbau. Beide Verbände sprechen sich für ein eigenes Bauministerium aus.
„Die heimische Baukonjunktur braucht dringend klare politische Rahmenbedingungen, damit sich die Bauwirtschaft zukunftsfit und klimagerecht transformieren kann", sagt Glasmaier. „Wichtig ist einerseits die Bündelung zentraler Kompetenzen rund um Bauen, Wohnen, Infrastruktur und Baustoffpolitik in einem Ressort. Andererseits braucht es im Rahmen des Finanzausgleichs deutlich mehr Mittel für Gemeinden."
Diese stehen vor wachsenden Verpflichtungen: Aufgrund europäischer und österreichischer Klimavorgaben müssen sie verstärkt in leistbaren Wohnraum, öffentliche Infrastruktur sowie in Maßnahmen zur Klimawandelanpassung investieren.
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Die ursprünglichen Prognosen für die Konjunkturerholung scheinen kaum mehr erreichbar."Michael Wardian, Vorsitzender Verband Österreichischer Betonfertigteilwerke
Infrastruktur und leistbarer Wohnraum als Wachstumschancen
Trotz der angespannten Situation sieht die Branche konkrete Wachstumsfelder. Zwei von drei Unternehmen nennen den Ausbau der öffentlichen Infrastruktur als wichtigste Chance, dicht dahinter folgt der Bau leistbarer Wohnungen.
Auch mittelfristig gilt Infrastruktur als zentraler Wachstumsmotor: Jedes zweite Unternehmen erwartet hier das größte Potenzial für den Baustoff Beton. „Beton bleibt überall dort unverzichtbar, wo dauerhafte und robuste Lösungen gefragt sind. Moderne Infrastruktur und leistbarer Wohnraum sind ohne diesen Baustoff kaum denkbar", so Glasmaier.
Lesen Sie hier über Innovationen im Zusammenhang mit dem Baustoff Beton
Betonfertigteilwerke Österreich: Regionaler Wirtschaftsfaktor mit kurzen Wegen
Die VÖB-Jahreshauptversammlung 2026 fand an einem symbolträchtigen Ort statt: in der Raiffeisen Arena auf der Gugl in Linz. Das Stadion, das einer Studie zufolge jährlich 128,8 Millionen Euro an regionalwirtschaftlichen Effekten generiert, wurde großteils aus Betonfertigteilen eines oberösterreichischen Unternehmens errichtet.
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„Dadurch, dass Betonfertigteile nahezu immer in der Nähe des jeweiligen Bauvorhabens gefertigt werden, liefert unsere Industrie nicht nur einen immensen Beitrag zur Wertschöpfung in den Regionen, sondern entlastet durch die kurzen Transportwege auch die Umwelt", sagt Glasmaier.
Während der Versammlung wurden auch personelle Neuerungen im Verband verkündet: Als stellvertretende Vorsitzende wurden Simone Oberndorfer, Geschäftsführerin der Franz Oberndorfer GmbH & Co KG, und Sebastian Eder, Geschäftsführer der Systembau Eder GmbH, in das Team rund um Michael Wardian aufgenommen.
Nachhaltigkeit Beton: Klimapotenziale und verankerte Betriebspraxis
Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bleibt Nachhaltigkeit ein strategisches Kernthema der Branche. Acht von zehn Befragten stufen Umweltschutzmaßnahmen im eigenen Betrieb als „sehr wichtig" oder „eher wichtig" ein.
In rund 80 Prozent der Unternehmen gehören Recycling, die Wiederverwertung von Rohstoffen und der Einsatz erneuerbarer Energien bereits zum Betriebsalltag. Jedes zweite Unternehmen setzt zusätzlich gezielte Maßnahmen zur Abfallreduktion um. 87 Prozent wollen Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft weiter vorantreiben.
Drei Viertel der Befragten sehen das größte Klimaschutzpotenzial beim platzsparenden Bauen – etwa durch Verdichtung, Aufstockungen oder das Bauen in die Höhe und Tiefe. 72 Prozent verweisen auf die Langlebigkeit von Betonbauten als entscheidenden Vorteil, rund zwei Drittel nennen die Kreislauffähigkeit des Baustoffs als wichtiges Argument in der Klimaschutzdebatte.
Fast zwei Drittel der Befragten geben außerdem an, dass Beton durch thermische Bauteilaktivierung effektiv zum Klimaschutz beitragen könne. Bei diesem Verfahren wird die Fähigkeit von Betonbauteilen, Wärme beziehungsweise Kälte zu speichern und langsam abzugeben, gezielt zum nachhaltigen Temperieren von Räumen eingesetzt.
„Unsere zentrale Aufgabe bleibt es, den CO₂-Fußabdruck von Zement und Beton kontinuierlich zu reduzieren und gleichzeitig für transparente Vergleichbarkeit von Ökodaten mit anderen Baustoffen zu sorgen", so Glasmaier.
F&E-Projekte für klimakonformes Bauwesen
Der VÖB beteiligt sich an einer Reihe von Forschungs- und Entwicklungsinitiativen, die die Transformation des Bauwesens unterstützen sollen. Das Projekt „agileTragwerksplanung" zielt darauf ab, Material- und Energieeinsatz durch verbesserte Planungs- und Berechnungsmethoden zu senken. Schlankere Bauteile, optimierte Querschnitte und eine bessere Abstimmung zwischen Planung, Produktion und Montage sollen Fertigteilkonstruktionen wirtschaftlicher und ressourcenschonender machen.
Mit „LZinfra" entsteht ein standardisiertes Lebenszyklustool zur Nachhaltigkeitsbewertung von Verkehrsinfrastrukturen, das ökologische und ökonomische Aspekte eines Bauwerks über den gesamten Lebenszyklus hinweg transparent abbilden soll.
Das Projekt „EcoTwin" wiederum kombiniert digitale Zwillinge mit Nachhaltigkeitsbewertungen und Monitoringdaten, um Infrastrukturbauten über ihren gesamten Lebenszyklus zu optimieren.
Ergänzt werden diese Initiativen durch Branchen-EPDs (Environmental Product Declarations, Umweltproduktdeklarationen), die der VÖB am Markt positioniert hat. „Ein EPD liefert umfassende Daten über die Umweltauswirkungen eines Bauprodukts über dessen gesamten Lebenszyklus hinweg. Er ist damit die Grundlage für den gesamtheitlichen Ökobilanzvergleich eines Bauwerkes", so Glasmaier.
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