Salzburger Festspiele : Machtnetzwerk Westösterreich: Wie Salzburger Festspiele und Alpbach das Land prägen

Publikum blickt bei Eröffnung der Salzburger Festspiele auf das schwarz gekleidete, spielende Orchester auf der Bühne
© Salzburger Festspiele

Was kann der Westen, das im Osten nicht zu funktionieren zu sein scheint? Die Salzburger Festspiele und das European Forum Alpbach wurden sozusagen auf den Trümmern des untergegangenen Reiches und eines zerstörerischen politischen Systems gegründet.

Als Max Reinhardt 1917 die Denkschrift zur Errichtung eines Festspielhauses in Hellbrunn verfasste, war der Erste Weltkrieg noch nicht beendet. Die Habsburger Monarchie taumelte ihrem Ende entgegen.

Als im Sommer 1945 der Widerstandskämpfer Otto Molden gemeinsam mit Simon Moser die Internationalen Hochschulwochen ins Leben rief, war der Zweite Weltkrieg wenige Monate zuvor zu Ende gegangen. Europa schaute vom Trümmerfeld direkt in den Abgrund.

Zur Gründungsidee der Festspiele gehörte auch der Gedanke, sie nicht in der Metropole anzusiedeln. Was hätte da näher liegen können als Salzburg? Die ehemalige Residenzstadt der Fürsterzbischöfe hatte mit Wolfgang Amadeus Mozart einen unschlagbaren Trumpf in der Hand.

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  • Othmar Karas, Präsidenet des European Forum Alpbach
    „Unter dem Motto Recharge Europe wollen wir Europa mit neuer Energie für die anstehenden Herausforderungen ausstatten, damit die EU global wieder eine führende Rolle einnimmt.“

    Othmar Karas, Präsidenet des European Forum Alpbach

European Forum Alpbach: Europas Neuanfang in den Bergen

Otto Molden war im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv. Er erlebte das Kriegsende in den Tiroler Bergen in einem Dorf namens Alpbach, das sich in der britischen Besatzungszone befand. Er hatte den erklärten Plan, Europa neu zu gründen

Dies verdeutlichte er auch im Titel seines letzten, 2001 erschienenen Buches: „Odyssee meines Lebens und die Gründung Europas in Alpbach".

Freilich hat es seine Zeit gebraucht, bis sich die Neugründungen etablieren konnten. Sie wuchsen nicht nur zu einer festen Größe im österreichischen Kulturleben heran. Sie leisteten auch einen wesentlichen Beitrag dazu, dass das lange um seine Identität ringende Österreich als Kulturnation wahrgenommen wurde.

  • Georg Knill, Präsident der IV Österreich und Gastgeber des Salzburg Festival Summit
    „Europa und die gesamt Welt befinden sich in einer Phase tiefgreifender Umbrüche. Mehr denn je sind nun kluge und richtungweisende Entscheidungen gefragt, um den Weg zurück auf die Überholspur zu finden.“

    Georg Knill, Präsident der IV Österreich und Gastgeber des Salzburg Festival Summit

Salzburger Festspiele als Wirtschaftsfaktor

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Salzburger Festspiele unmittelbar wieder Fahrt auf. Mit dem Bau des Großen Festspielhauses wurde ein mutiger großer Schritt gesetzt. 

Vorangetrieben wurde dieser auch vom Dirigenten Herbert von Karajan, seinerzeit Mitglied des Direktoriums. Er legte den Grundstein für die wirtschaftliche Nutzung der weltweiten Fangemeinde.

Ohne die finanziellen Zuwendungen der Freunde und Förderer der Festspiele könnte das qualitativ solitäre Programm nicht gestemmt werden. Zeitgleich begann sich auch die Unterstützung durch Sponsoren zu entwickeln.

Es war ein langer Prozess, bis die Wirtschaftskraft der Festspiele ihr aktuelles Volumen erreicht haben. Für das Jahr 2024 weisen sie ein operatives Budget in Höhe von 71,2 Millionen Euro aus. Davon trägt die öffentliche Hand ein knappes Drittel bei: 28,54 Prozent beziehungsweise 20,3 Millionen Euro.

Eine fast gleich hohe Summe steuert der Verein der „Freunde der Salzburger Festspiele" mit rund 6.600 Mitgliedern jährlich bei. Er bildet damit eine der Hauptsäulen der Finanzierung, wie es im Finanzbericht heißt. 71,46 Prozent (absolut: 50,9 Millionen Euro) werden von den Festspielen selbst erwirtschaftet.

Dabei machen die Kartenerlöse rund 40 Prozent des Gesamtbudgets aus. Das Finanzvolumen, das von den Hauptsponsoren, privaten Mäzenen und aus der Vermietung von Spielstätten erwirtschaftet wird, beträgt rund 22,4 Millionen Euro. Das macht ein gutes Drittel des Gesamtbudgets aus.

Mit Audi, Siemens, der Kühne Stiftung, Würth, BWT und Rolex sind die aktuellen sechs Hauptsponsoren genannt. Als Projektsponsoren sind UNIQA, Raiffeisen Salzburg, die Salzburg AG sowie Rolex aufgelistet.

Lesen Sie auch hier: Warum Handelsriesen Salzburg lieben – und was ihnen Sorgen bereitet

  • Kristina Hammer, Präsidentin der Salzburger Festspiele
    „Unsere Aufgabe ist es, Impulse zu setzen. Die Festspiele sollen ein Ort sein, an dem man die Welt reflektieren kann. Wir wollen kein Repertoirebetrieb sein und auch kein Museum. Wir wollen Themen der Gegenwart spiegeln, neue Perspektiven eröffnen.“

    Kristina Hammer, Präsidentin der Salzburger Festspiele

Alpbach unter neuer Führung: Modernisierung und Tradition

Kristina Hammer beschrieb kürzlich in einem Interview recht prägnant, was die Rolle als Festspielpräsidentin von ihr verlangt: „Gesellschaftliche Verantwortung, Mut zum Experiment und das klare Bekenntnis zur Vielfalt". 

Das liest sich fast wie Selbstverständlichkeiten und trifft gerade deshalb den Kern der Sache sehr gut.

Die auf das Wesentliche verdichtete Maxime ist leicht auf Alpbach zu übertragen. Dort übernahm der Banker Andreas Treichl von Franz Fischler das Ruder, nachdem bei diesem die Schwächen in den Fokus gerieten. 

Treichl leitete ab 2020 einen Modernisierungsschub ein. Das Forum wurde internationaler, thematisch klarer. Es entstand ein Generationen-, Branchen- und Ideologien-übergreifender Austausch.

Man fokussierte sich auf die großen relevanten Zukunftsthemen. Es wurden neue Formate wie „Hikes" als Diskussionsforen beim Wandern eingeführt. Initiierte Labs und Seminare zur Entwicklung konkreter Lösungen kamen hinzu.

Treichl setzte dabei auf seine exzellenten Kontakte sowie auf Leadership. Das mag des Guten etwas zu viel gewesen sein, denn früher als erwartete setzte Unzufriedenheit mit seinem Führungsstil ein. 

Zu viel Top-down geprägter Führungsstil und weniger neue traditionell gewachsene Strukturen. Die gewohnte Nestwärme fehlte und die regionale Verwurzelung trat in den Hintergrund.

Schließlich war es das Diktum, die hohe Dynamik lasse Kontinuität vermissen, was einen Wechsel in der Präsidentschaft erforderlich machte. Unter der neuen Leitung des Europa-Parlamentariers Othmar Karas soll die von Treichl initiierte Neuausrichtung des Forums inhaltlich gestraffter und strukturell fokussiert fortgeführt werden.

European Forum Alpbach 2025: "Recharge Europe"

Erklärtes Ziel ist es, mehr Internationalität und Interdisziplinarität zu schaffen. Damit soll ein offener Austausch über Generationen, Branchen und Ideologien hinweg ermöglicht werden.

Das Jahresthema des Forums 2025 war „Recharge Europe". Dabei standen die Themen im Vordergrund: Europäische Verteidigungsunion, Ausbau der Energieunion, Förderung grüner Schlüsseltechnologien, Investitionsstrategien im Rahmen einer vollendeten Kapitalmarktunion.

Insgesamt soll die Wettbewerbsfähigkeit Europas neu definiert werden. Ziel ist es, die klassischen Werte wie Demokratie, soziale Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit zu sichern und auszubauen.

Die Tiroler Adlerrunde: Unternehmernetzwerk mit Tradition

Nach dem EU-Beitritt Österreichs 1995 und der damit verbundenen wirtschaftlichen Entwicklung sah sich Österreich einem Wettbewerb innerhalb der EU-Staaten ausgesetzt. Die Standort-Frage geriet in den Fokus von Wirtschaft und Politik. Das brauchte allerdings etwas Zeit.

Zu Beginn der 2000er-Jahre haben sich zum Beispiel die Tiroler Unternehmerinnen Gretl Patschneider und Ingeborg Freudenthaler gemeinsam mit Karl Handler zusammengefunden. Sie wollten ein Netzwerk engagierter Unternehmen gründen. Eine Ideenschmiede sollte es werden, unabhängig und überparteilich. Es entstand die Tiroler Adlerrunde.

Unabhängig und überparteilich: Exakt diese zwei Begriffe sind es, die mentalitätsgeschichtlich relevant sind, wenn es um die Bündelung von Interessen geht. Sie helfen dabei, wirkkräftige und belastbare Strukturen zu schaffen und damit Ziele zu erreichen.

Verkürzt, aber den Kern treffend, lässt sich sagen: In der Tiroler Gesellschaft ist im Vergleich zu der in den östlichen und südlichen Bundesländern ein Mehr an Streben nach Unabhängigkeit und Freiheitsliebe vorhanden. Das flammt auch aktuell immer wieder auf und wird durch Parteiabspaltungen und -neugründungen augenscheinlich.

Eröffnung des European Forum Alpbach 2025 (v.l.n.r.): Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig, LH Maurizio Fugatti (Trentino), LH Arno Kompatscher (Südtirol) LH Anton Mattle 

- © EFA Andrei Pungovschi

Tiroler Unternehmertum: Tradition trifft Innovation

Im Fall der Adlerrunde wurde die aufmüpfige Energie zielgerichtet und zum Wohle der Tiroler Standortpolitik eingesetzt. In Salzburg richtete sich die Aufmüpfigkeit gegen die Dominanz des allgegenwärtigen kirchlichen Landesherrn.

Das Unternehmertum wurde und wird von geerdeten Persönlichkeiten geprägt. Für sie ist die Handschlagqualität mehr als Brauchtum. Sie sind konservativ im Sinne von erhalten eingestellt und denken, planen und handeln in zeitlichen Dimensionen von Generationen.

Die dadurch geschaffene Substanz bildet das Substrat, um über das eigene unternehmerische Handeln hinaus zum Nutzen des Allgemeinwohls tätig zu sein. Sie nehmen Einfluss und achten auf die Balance zwischen strukturellem Konservatismus und avantgardistischer Bilderstürmerei.

Von außen mag man das als Machtnetzwerke wahrnehmen. In der Binnensicht ist es nicht viel anderes als die Bündelung von verantwortungsvollem Unternehmertum. Es kennt Mut und Einsatz und achtet sehr darauf, bewährte Strukturen nicht mutwillig in Gefahr zu bringen.

Im Dezember 2002 startete die Tiroler Adler Runde mit zwanzig Tiroler Unternehmerinnen und Unternehmern. Aktuell umfasst die Runde 50 Mitglieder und setzt sich durch Dialog mit politischen Entscheidungsträgern und regelmäßigen Veranstaltungen für die Stärkung Tirols ein. Ziel ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Landes.

Salzburg Festival Summit und exklusive Side-Events

Das besondere Salzburger Flair, diese unverwechselbare Melange aus höchstem künstlerischem Anspruch, verdichteter kultureller Präsenz, garniert mit dem Charme des Überschaubaren hat längst auch internationales Prestige gewonnen. Es hat eine Dynamik mit Sogwirkung während der Festspiele geschaffen.

So haben sich Veranstaltungsformate entwickelt, die sich als Side-Events mit besonderem Profil und exklusiver Gästeliste verstehen. Sie heben sich von den klassischen Festspiel-Veranstaltungen und exklusiven Empfängen ab und schaffen neue gesellschaftliche Räume.

Das gilt gleichermaßen für den Salzburg Festival Summit, der von der Österreichischen Industriellenvereinigung ausgerichtet wird. Er vereint namhafte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft zum wirtschaftspolitischen Austausch. Gleiches gilt für den von Sebastian Kurz ins Leben gerufenen Empfang bei Schinkenfleckerln und Gin.

amfAR-Gala: Salzburg als internationaler Event-Standort

Aktuell hat Salzburgs Anziehungskraft einen weiteren glitzernden Side-Event an die Salzach gebracht. Der durch den von ihm gegründeten Wiener Life Ball bekannt gewordene Gery Keszler lud Kevin Robert Frost ein. 

Frost ist CEO der Foundation for Aids Research (amfAR). Keszler wollte ihm die Idee schmackhaft machen, Salzburg neben Städten wie New York, Cannes, Venedig, London oder Las Vegas für amfAR-Spenden-Galas zu etablieren.

Am 24. August war es dann soweit: Das Galadinner im Carabinieri-Saal der Residenz war mit 400 Plätzen ausverkauft. Der Versteigerungserlös betrug über eine halbe Million Euro.

Dafür sind neben Jeremy Irons und dem irischen Musiker Bob Geldof eine Reihe von Persönlichkeiten angereist. Bob Geldof wurde von Staatssekretär Sepp Schellhorn für sein jahrzehntelanges humanitäres Engagement mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich ausgezeichnet. Unter den Gästen waren: Rufus Wainwright, Ute Lemper, Eli Saab jr., Eva Cavalli, Iris Berben, Rolf Sachs und Mafalda von Hessen.

Auch Alt-Landeshauptmann Wilfried Haslauer ist in Begleitung seiner Frau zum „opulenten Mahl aus dem Hause Keszler", wie der Galaabend in der „Presse" betitelt wurde, in die Alte Residenz gekommen. Seine Nachfolgerin Karoline Edtstadler hat kurzfristig abgesagt.

Es bleibt abzuwarten, wie Salzburg auf den Event reagiert und wie zufrieden die Veranstalter mit Salzburg sind. Ob der Daumen schließlich nach oben oder nach unten zeigt, darüber befindet jener Kreis an Entscheidungsträgern vor und hinter den Kulissen. 

Sie sorgen – wie beschrieben – aufmerksam dafür, dass die geschaffenen Strukturen nicht überstrapaziert werden.

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