Gasversorgung: Österreich : Gasversorgung: Sichern Diversifikation und neue Versorgungswege die Stabilität?

Gasspeicher der RAG AG in Österreich

Die Gasspeicher der RAG AG gehören zur kritischen Infrastruktur für die österreichische Gasversorgung.

- © STEVE HAIDER

Österreich hat seine Gasspeicherkapazitäten seit 2007 nahezu verdoppelt und verfügt nun über eine Speicherkapazität von 101,6 Terawattstunden (TWh). 

Diese Kapazität übersteigt den jährlichen Gasverbrauch des Landes mit rund 75 TWh in den Jahren 2023 und 2024 deutlich. 

Obwohl der Gasverbrauch in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen ist, sind derzeit genügend Reserven im Speicher.  

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Die Gasspeicher in der EU müssen zur Vorsorge für den Winter verpflichtend gefüllt werden – allerdings erst etwas später im Jahr als bisher. Mitte Juli haben die EU-Staaten die sogenannte Gasspeicherverordnung um zwei Jahre verlängert.

In dieser bleibt das bisherige Füllziel von 90 Prozent erhalten. Es muss aber "irgendwann zwischen dem 1. Oktober und 1. Dezember" erreicht werden – also nicht wie bisher mit Stichtag 1. November zu 90 Prozent gefüllt sein.

Die kürzlich in Betrieb genommene Biogasaufbereitungsanlage der EVN im niederösterreichischen Lichtenwörth ist kompakt in Containern untergebracht.   

- © EVN / Anton Ettl

Anstieg beim Erdgasverbrauch: Ursachen und Auswirkungen

Laut Gas Connect Austria wurde zwischen September 2024 und März 2025 in Österreich insgesamt 61,63 TWh Erdgas verbraucht – das entspricht einem Anstieg von 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mit 52,16 TWh. Besonders auffällig war der März 2025, in dem mit 8,28 TWh sogar 26,4 Prozent mehr Gas verbraucht wurde als im März 2024. 

Durchgängig über dem 5-Jahres-Durchschnitt liegt auch der Verbrauch im Monatsvergleich: Im Jänner 2025 wurde der Höchstwert mit 11,84 TWh erreicht. 

„Gründe für diesen Mehrverbrauch sind ein trockener und kälterer Winter, was zu höherem Gaseinsatz in Gaskraftwerken und zu mehr Absatz im Raumwärmebereich führte. Der Gasverbrauch in Österreich wurde in den Wintermonaten 2024/25 zu einem großen Teil aus Speicherentnahmen gedeckt, was zur Folge hatte, dass der Speicherstand Ende des Jahres 2024 rund 10 TWh niedriger war als im Jahr davor,“ teilt Gas Connect Austria mit. 

  • Stefan Ehrlich-Adam, Spartenobmann der Wiener Industrie, in einem Betrieb
    „Der Gaspreis ist grundsätzlich von internationalen Entwicklungen abhängig. Allerdings haben Unternehmen auch unterschiedliche Verträge mit ihrem jeweiligen Versorger, etwa was die Preisbindung betrifft.“

    Stefan Ehrlich-Adam, Spartenobmann der Wiener Industrie

Strategische Gasreserven sichern Energieversorgung in Österreich

Um die Energieversorgung in Österreich sicherzustellen, hat die Bundesregierung eine strategische Gasreserve von 20 TWh Gas beschafft. 

Anfang April 2025 wechselten die Speicherflüsse von zuvor hohen Entnahmen wieder in Richtung Einspeicherung. Ende April/Anfang Mai war die Einspeicherrate besonders hoch: an einzelnen Tagen wurden Spitzenwerte von bis zu 380.000 MWh erreicht. 

Mitte Mai lag der Speicherstand der österreichischen Speicher inklusive der strategischen Gasreserve von 20 TWh bei rund 51 TWh. Dies entspricht rund 51 Prozent, was über dem europäischen Durchschnitt von 44,5 Prozent liegt.  

Ersatz Erdgasimporte

- © austrian energy agency

Versorgungslage ohne russisches Gas: Umstellung der Importströme

Mit dem Lieferstopp seit 1. Jänner 2025 wird über die Leitungen der Ukraine kein russisches Gas mehr in die EU geliefert. Zuvor gelangte russisches Gas in den letzten Wochen des vergangenen Jahres im Ausmaß von rund 200 GWh pro Tag über die Slowakei nach Österreich.   

Die Gasflüsse nach Österreich haben sich stark verändert. Seit Beginn 2025 blieb der physische Zufluss aus dem Osten über die Slowakei fast durchgehend aus. Stattdessen wurde Gas aus Österreich in die Slowakei exportiert. 

Importiert hingegen wird Gas hauptsächlich aus dem Westen über Deutschland und aus dem Süden über Italien. Aus dem Westen fließen täglich bis zu 300.000 MWh nach Österreich und bilden so eine stabile Säule der Versorgung. Die Importmengen aus dem Süden schwanken, erreichten aber dennoch tageweise Spitzenwerte von bis zu 245.000 MWh. 

Das Leitungsnetz der Netz OÖ, einem Unternehmen der Energie AG, sichert die Energieversorgung von Privaten und sorgt mit der Belieferung von Industrie und Gewerbe für einen attraktiven Wirtschaftsstandort. 

- © Netz Oberösterreich GmbH

Verteilknoten Baumgarten bleibt Schlüsselpunkt für Österreichs Gasnetz

Die Daten der europäischen Gasflüsse zeigen eindeutig: Nord- und Nordwesteuropa sind zur wichtigsten Versorgungsquelle in der Region geworden. Deutschland ist der zentrale Knotenpunkt, über den auch Österreich große Mengen erhält – sei es aus LNG-Terminals oder aus Zuflüssen von Gas aus der Nordsee. 

Lesen Sie hier, wie ein Kärntner Konzern bei deutschen LNG-Terminals mitwirkt

Auch die Lieferungen über Italien tragen zur Sicherung des österreichischen Gasbedarfs bei. 

Der zentrale Verteilknoten im niederösterreichischen Baumgarten an der March ist nach wie vor von entscheidender Bedeutung für die Versorgung Österreichs und den Transit nach Osteuropa. Seine vielfältigen Verbindungsmöglichkeiten zu den Nachbarländern und zu den heimischen Speichern machen Baumgarten zu einem unersetzlichen Knotenpunkt. 

Was bedeutet es, wenn mehr LNG als Erdgas durch die Pipelines fließt?fsa

Warum Österreich neue Abhängigkeiten bei Gas vermeiden muss

Die Gasversorgung Österreichs ist trotz des Ausfalls russischer Gasflüsse derzeit robust und zuverlässig. Der stark gestiegene Verbrauch wird durch die Diversifikation der Bezugsquellen und einem funktionierenden europäischen Leitungsnetz bewerkstelligt. Die frühzeitige Einspeicherung ab April 2025 ist ein entscheidender Faktor für eine sichere Energieversorgung im kommenden Winter. 

Im Vertrauen auf Flüssiggas dürfe sich Europa aber nicht in neue Abhängigkeiten begeben, warnt Michael Mock, Geschäftsführer des Fachverbandes Gas Wärme (FGW). Amerika ist inzwischen der mit Abstand größte LNG-Lieferant der EU. Mit dem Handelskrieg mit Europa zeigt Amerika, dass es bereit ist, seine Marktmacht politisch durchzusetzen

"Der Begriff Gasdiversifizierung sollte daher ernst genommen werden. Statt Transportwege nach Osten zu kappen, sollte die Diversifizierung der Versorgung im Mittelpunkt der europäischen Energiestrategie stehen: Das heißt, vorhandene Potenziale in Europa selbst zu nutzen, Gasimporte auf mehr Lieferanten zu verteilen und bestehende Gastransportinfrastrukturen zu nutzen", erläutert Mock. 

"Der Begriff Gasdiversifizierung sollte ernst genommen werden."
Michael Mock, Geschäftsführer des Fachverbandes Gas Wärme (FGW)

Volatile Gaspreise und geopolitische Risiken beeinflussen den Markt

Der österreichische Gaspreisindex sank Laut Austria Energy Agency auf Monatsbasis im Juni 2025 gegenüber dem Vormonat um 1,8 Prozent. Im Vergleich zum Juni 2024 liegt der Index jedoch um 20,7 Prozent höher.  

Lesen Sie hier über die Auswirkungen des Nahost-Konflikts auf Österreichs Energiepreise

Die anhaltende Volatilität auf dem Gasmarkt hat zwei Ursachen: Zum einen hat die Beendigung von Wartungsarbeiten in der norwegischen Gasproduktion für Entspannung gesorgt. Zum anderen haben die von den USA angefachten Handels- und Zollstreitigkeiten für erneute Unsicherheiten gesorgt. Sie haben nicht nur die Börsen, sondern auch den Gasmarkt unter Druck gesetzt. 

Ausgehend von den Werten 2019 hat sich der Gaspreisindex im Vergleich zum allgemeinen Verbraucherpreisindex in Folge des Ukrainekriegs gegen Ende 2022 kurzfristig verneunfacht, lag Mitte 2024 kurz auf Niveau des Verbraucherpreisindex und zeigt inzwischen eine leichte Tendenz nach oben. 

Der Großhandelspreis für Strom – im Zuge des gestiegenen Gaspreisindex auf dem siebenfachen Wert – hat sich, laut Kalab Energieconsulting, inzwischen dem Verbraucherpreisindex angenähert. 

© Austrian Energy Agency/European Energy Exchange

Entwicklung Strom- und Gaspreisindex, Großhandelspreise in Österreich

- © Kalab Energieconsulting

Erdgas bleibt für Österreichs Industrie auch langfristig systemrelevant

Erdgas wird aus heutiger Perspektive auch in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren eine wichtige Rolle in der Energieversorgung österreichischer Unternehmen spielen. Deshalb muss der Zugang zu Erdgas sichergestellt sowie die Bezugsquellen diversifiziert werden. 

In Österreich startete die Begutachtungsphase zur Novelle der Gasversorgungsstandardverordnung (GVSV), um klare Zeichen zu setzen:

Die Nachweispflichten heimischer Gasversorger sowie die Überprüfung der Betreiber großer Gaskraftwerke mit einer Engpassleistung von über 50 MW sollen konkretisiert werden. 

Das Ziel ist deutlich zu erkennen: Die Versorgungslage in Österreich soll dringend gesichert werden, um die Versorgungslage in Europa aufgrund des Wegfalls russischer Gaslieferungen zu erhöhen. 

Importverbot für russisches Erdgas, Hoffnung und Problem LNG

Das von der EU-Kommission vorgestellte Importverbot für russisches Erdgas wirft einige rechtliche Fragen auf. 

Die EU-Kommission will die Einfuhr von russischem Gas in die EU bis spätestens Ende 2027 komplett verbieten. Das gilt sowohl für die Einfuhr über Pipelines als auch als LNG

Klar ist, dass dann auch der Import von russischem Erdöl und Uran gestoppt wird. 

Die EU-Staaten wollen bis Ende 2025 nationale „Phase-Out-Pläne“ erstellen. Bis Ende dieses Jahres sollen auch Spotmarktkäufe und der Abschluss neuer Verträge über die Lieferung von russischem Gas verboten werden. 

Ab 2027 darf kein russisches Gas mehr in die EU befördert werden. Die EU-Kommission rechnet trotz dieser Einschränkungen nicht mit einer Steigerung der Gaspreise. Einerseits sollen die weltweiten LNG-Kapazitäten bis 2028 um rund 200 Milliarden Kubikmeter steigen; andererseits soll die Nachfrage nach fossilem Gas in Europa um bis zu 50 Milliarden Kubikmeter zurückgehen. 

Die Marktentwicklung von LNG ist von erheblichen Unsicherheiten geprägt. Diese resultieren insbesondere aus der Dynamik der Märkte, der Geopolitik und regulatorischen Vorgaben, vor allem in Bezug auf Methanemissionen. 

Weltkarte zeigt Länder, die Sanktionen gegen Russland aufgrund des Angriffs auf die Ukraine verhängt haben oder unterstützen; Quelle: Castellum.ai
Länder, die Sanktionen gegen Russland aufgrund des Angriffs auf die Ukraine verhängt haben oder unterstützen; Quelle: Castellum.ai - © APA

Netz Oberösterreich als Rückgrat der österreichischen Gasverteilung

In Österreich entfallen 62 Prozent des Gasverbrauchs auf die produzierende Industrie wobei es im Industriebundesland Oberösterreich sogar rund 90 Prozent sein sollen. 

„Der aktuelle Versorgungsausfall betrifft die Lieferung von Gas aus dem Osten nach Österreich und aktuell die Energiehändler und die Energielieferanten. Die Gasnetzbetreiber können alle Energiemengen – egal ob aus dem Osten, aus dem Westen oder aus Gasspeichern – nach Österreich in das Gasnetz bringen und an die Kunden verteilen,“ beruhigt Michael Haselauer, Geschäftsführer von Netz Oberösterreich.  

In diesem Zusammenhang kommt dem Netz Oberösterreich eine Schlüsselrolle zu. Die Versorgung wird gemeinsam mit den Betreibern der an das Gasleitungsnetz in Oberösterreich angeschlossenen Speicher weiterhin sichergestellt. 

Der Gasnetzbetreiber der oberösterreichischen Energie AG hat den Speicher Haidach direkt an das oberösterreichische Gasleitungsnetz angeschlossen. Die Errichtung dieses Speicheranschlusses hat nicht nur zu einer Optimierung der innerösterreichischen Speicherverbindung geführt, sondern auch den Weg für eine zusätzliche Pipelineverbindung zwischen Österreich und Deutschland geebnet. 

Lichtenwörth als Vorreiter für Biomethan-Produktion aus Gülle

Die neue Biogasaufbereitungsanlage im niederösterreichischen Lichtenwörth will neue Maßstäbe für die erneuerbare Energiezukunft setzen. Die bestehende Biogasanlage wurde dafür technisch erweitert. Das erzeugte Biogas wird nicht mehr ausschließlich zur Stromproduktion genutzt, sondern zu hochwertigem Biomethan aufbereitet und ins öffentliche Gasnetz eingespeist. 

Niederösterreich nimmt bei der Aufbereitung von Biomethan eine Vorreiterrolle in Österreich ein. „Mit diesem Zukunftsprojekt stärken wir nicht nur die regionale Kreislaufwirtschaft, sondern leisten auch einen aktiven Beitrag zur Versorgungssicherheit“, so Bernhard Karnthaler, Geschäftsführer von EVN Biogas

Die Öko-Energiegemeinschaft Lichtenwörth betreibt die 2006 errichtete Biogasanlageanlage mit Unterstützung von 24 engagierten Landwirten. 

„Das Biogas entsteht aus Gülle und nachwachsenden Rohstoffen – ein nachhaltiges Konzept, das ökologische Landwirtschaft und moderne Energieerzeugung vereint“, erklärt Genossenschaftsobmann Norbert Lechner

Mit der neuen Aufbereitungsanlage werden jährlich rund 13 GWh klimafreundliches Biomethan produziert, das dem Gasbedarf von etwa 850 Haushalten entspricht und pro Jahr rund 3.000 Tonnen CO2 einspart.  

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Industrie fordert langfristige Planungssicherheit bei Energiekosten

„Um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu gewährlisten, ist es dringend notwendig für niedrigere Energiekosten zu sorgen,“ ist Stefan Ehrlich-Adám, Obmann der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer Wien überzeugt. 

„Wir stehen nicht nur mit Asien und Nordamerika im Wettbewerb, sondern befinden uns auch in einem innereuropäischen Standort-Wettbewerb, vor allem mit Deutschland." 

Eine  Neuauflage der Strompreiskompensation wäre wichtig, "denn dieses von der EU vorgeschlagene Instrument wird von den anderen Mitgliedsstaaten seit Jahren eingesetzt, um ihre Industrien zu unterstützen." 

Derzeit ist die Strompreiskompensation in Österreich bis Ende 2026 vorgesehen. "Hier braucht es für die Industrie mehr Planungssicherheit – in Deutschland ist die Strompreiskompensation bis 2030 abgesichert", so Ehrlich-Adám.

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