Düngerpreise aktuell : Bauernbund warnt vor Dünger-Kostenlawine – und Leoben hat einen Plan

Forscherin Kristina Stocker in einem Labor der montanuniversität leoben

Kristina Stocker, Wissenschaftlerin am Lehrstuhl für Verfahrenstechnik des industriellen Umweltschutzes an der Montanuniversität, forscht seit mehreren Jahren an der Rückgewinnung von Nährstoffen aus Abwasser mithilfe speziell modifizierter Zeolithe.

- © MUL/Tauderer

In aller Kürze: Düngerpreise aktuell – Bauernbund fordert EU-Entlastung und Leoben forscht an heimischem Ausweg
 

Steigende Düngerpreise und fragile Lieferketten setzen Österreichs LandwirtInnen unter Druck. Anlässlich einer Kundgebung europäischer Bauernorganisationen vor dem Europäischen Parlament in Straßburg hat der Österreichische Bauernbund rasche Schritte gegen aktuelle Düngemittelpreise und Mehrbelastungen durch den CO₂-Grenzausgleich CBAM gefordert. 

Organisiert wurde die Veranstaltung von COPA-COGECA und französischen Bauernorganisationen – im Vorfeld der Präsentation des EU-Düngemittel-Aktionsplans. Österreich war durch Bauernbund-Direktorin Corinna Weisl und Bundesminister a.D. Nikolaus Berlakovich, 1. Vizepräsident der COPA-COGECA, vertreten.
 

„Düngemittel sind essenziell für Ernte, Qualität und Versorgungssicherheit. Wenn Düngemittel nicht leistbar oder nicht verfügbar sind, trifft das zuerst unsere Bauernfamilien und danach die Konsumenten. Der CO₂-Grenzausgleich CBAM darf nicht zur nächsten Zusatzbelastung für unsere Familienbetriebe werden", betont Weisl in Straßburg.

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Vom EU-Düngemittel-Aktionsplan erwartet der Bauernbund handfeste Maßnahmen statt bloßer Absichtserklärungen. Konkret gefragt sind kurzfristige Entlastungen, verlässliche Beschaffungswege sowie mehr Transparenz am Düngemittelmarkt.
 

Es brauche Lösungen, "die am Hof ankommen", so Berlakovich und Weisl. „Die Düngemittelkrise von heute darf nicht zur Lebensmittelkrise von morgen werden."

  • Nikolaus Berlakovich spricht am podium anl. einer Sitzung des Nationalrats im Parlament in Wien 2024
    „Die Düngemittelkrise von heute darf nicht zur Lebensmittelkrise von morgen werden."

    Nikolaus Berlakovich

CBAM: Industrieschutz, dessen Kosten bei den Höfen landet

Besonders kritisch bewertet der Bauernbund die Folgen von CBAM für den Düngemittelmarkt. Das Instrument soll europäische Industrie vor unfairem Wettbewerb absichern – tatsächlich droht es für die Landwirtschaft einen gegenteiligen Effekt auszulösen.

Die Mehrkosten wandern – so die Kritik – entlang der Lieferkette weiter und treffen schließlich jene Betriebe, die Düngemittel für die Lebensmittelproduktion brauchen.
 

„CBAM schützt die Düngemittelindustrie, aber die Rechnung landet bei den Bauernfamilien", so Weisl. "Unsere Betriebe können diese Mehrkosten nicht einfach weitergeben. Wer europäische Lebensmittelproduktion erhalten will, darf die Produktionskosten nicht weiter in die Höhe treiben."
 

Berlakovich ergänzt: „Wer Versorgungssicherheit will, muss die Produktionsbedingungen ernst nehmen. Unsere Bäuerinnen und Bauern können nicht immer mehr Kosten schultern und gleichzeitig mit Importen konkurrieren, die oft unter völlig anderen Bedingungen produziert werden. Faire Wettbewerbsbedingungen sind die Grundlage dafür, dass Lebensmittelproduktion in Europa eine Zukunft hat."

Die Pilotanlage der Montanuni Leoben ist vollständig mobil ausgeführt. Im Pilotbetrieb wurden bislang Teilströme von bis zu zehn Prozent des Trübwassers einer 60.000-EGW-Kläranlage behandelt, was etwa 500 Litern pro Stunde entspricht. 

- © Christof Industries

Montanuniversität Leoben: heimische Rohstoffversorgung aus dem Abwasser

Von Straßburg in die Steiermark – und zu einem Lösungsansatz. Da entwickelt nämlich die Montanuniversität Leoben ein besonders Verfahren. Mit dem ReNOx-Verfahren werden Stickstoff und Phosphor aus kommunalem Abwasser zurück – hochrein, pflanzenverfügbar und ohne Eingriff in bestehende Klärprozesse. 

Damit stärkt die Universität die Rohstoffversorgung der heimischen Landwirtschaft und reduziert die Abhängigkeit von schwankungsanfälligen Importmärkten.
 

Kristina Stocker, Wissenschaftlerin am Lehrstuhl für Verfahrenstechnik des industriellen Umweltschutzes an der Montanuniversität, forscht seit mehreren Jahren an der Rückgewinnung von Nährstoffen aus Abwasser mithilfe speziell modifizierter Zeolithe. 

„Unser Ziel ist, Abwasserströme als strategische Ressource zu erschließen", sagt Stocker. „Mit ReNOx gewinnen wir Stickstoff und Phosphor getrennt, in hoher Reinheit und mit sehr niedrigen Schadstoffgehalten – ein entscheidender Schritt hin zu einer kreislauforientierten Nährstoffwirtschaft." 

Als Geowissenschafterin und aus ihrer Ausbildung im Bereich Safety and Disaster Management kennt sie auch die Risiken disruptiver Ereignisse und die geopolitischen Verwundbarkeiten bei Phosphor, einem für die EU kritischen Rohstoff. Aktuelle Engpässe bei Stickstoffdüngern – verstärkt durch Störungen wichtiger Transportwege wie der Straße von Hormus – verschärfen die Lage zusätzlich.

Dünger wird plötzlich zum Luxusgut. Der Iran-Krieg sorgt weltweit für Turbulenzen – und trifft nun auch Österreichs Landwirtschaft. Die Preise für Düngemittel schießen in die Höhe, und das könnte schon bald auch unsere Lebensmittel deutlich teurer machen.

Wie Stickstoff und Phosphor aus Abwasser zurückgewonnen werden

Das ReNOx-Verfahren nutzt speziell modifizierte Zeolithe, um Stickstoff und Phosphor gleichzeitig aus dem Trübwasser der Schlammentwässerung zu entfernen und getrennt zurückzugewinnen. 

Beide Endprodukte sind sehr schadstoffarm, das aufbereitete Wasser kehrt in den Klärprozess zurück. Versuche belegen eine sehr gute Düngewirkung.
 

Strukturelle Änderungen am Kläranlagenbetrieb sind nicht nötig. Chemikalien- und Energiebedarf bleiben gering, und durch die Ammonium-Entlastung des Trübwassers lassen sich Belüftungskosten im biologischen Anlagenteil senken. Aufwändige Filtrationsschritte zur Phosphatrückgewinnung entfallen.

Im Zuge des von der FFG geförderten ReNOx-Projektes wurde im 2. Projektjahr eine Pilotanlage vom Lehrstuhl für Verfahrenstechnik des industriellen Umweltschutzes an der Montanuniversität in Leoben aufgebaut, welche dann an der Kläranlage in Knittelfeld in Versuchsbetrieb ging.

Pilotanlage bereits in drei Ländern erfolgreich erprobt

Die Pilotanlage ist vollständig mobil ausgeführt. Im Pilotbetrieb wurden bislang Teilströme von bis zu zehn Prozent des Trübwassers einer 60.000-EGW-Kläranlage behandelt, was etwa 500 Litern pro Stunde entspricht. 

Neben Einsätzen in Österreich wurden Pilotversuche in Deutschland und Dubai erfolgreich durchgeführt.
 

„Die gleichzeitige, getrennte Rückgewinnung von Stickstoff und Phosphor schließt Stoffkreisläufe, senkt Emissionen und mindert Importabhängigkeiten", so Stocker. „Damit gewinnen Kommunen und Landwirtschaft an Resilienz – technisch, ökonomisch und ökologisch."

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