Tirol-Südtirol-Trentino : Wenn die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino ein Bundesland wäre

Straßenschild heißt in Italienisch, Deutsch und Englisch auf dem Brennerpass willkommen.

Die Europaregion Tirol–Südtirol–Trentino: ein bemerkenswerter Raum im Herzen Europas

- © Adobe stock/VRD

Die Europaregion Tirol–Südtirol–Trentino wird meist als politische oder kulturelle Kooperation wahrgenommen – was immer wieder auch zu geschichtlich überlagerten Konflikten führt. 

Aus wirtschaftlicher Sicht jedoch handelt es sich um einen Raum, der eine bemerkenswerte Position im Herzen Europas einnimmt. Insgesamt umfasst die Euregio rund 26.200 Quadratkilometer, zählt knapp zwei Millionen Einwohner und verfügt über rund 900.000 Erwerbstätige. Das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei rund 55.900 Euro.

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„Damit übertrifft die Region den Durchschnitt der EU-27 um etwa 40 Prozent, was ein klarer Hinweis auf das hohe Wohlstandsniveau der Region ist", sagt Luciano Partacini, Direktor des Amtes für Wirtschaftsinformation (WIFO) der Handelskammer Bozen. „Auch in Sachen Wettbewerbsfähigkeit gehört die Euregio im europäischen Vergleich zu den stärker aufgestellten Wirtschaftsräumen. Die Arbeitsproduktivität entspricht rund 61 Euro pro Arbeitsstunde und liegt somit um fast ein Viertel über dem europäischen Durchschnitt."

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Luciano Partacini, Direktor des Amtes für Wirtschaftsinformation (WIFO) der Handelskammer Bozen
„Die Stärke der Euregio liegt im Zusammenspiel von Industrie, Tourismus und exportorientiertem Mittelstand.“ Luciano Partacini, Direktor des Amtes für Wirtschaftsinformation (WIFO) der Handelskammer Bozen - © Handelskammer Bozen

Der Brenner gilt nicht mehr als Hemmschuh und Trennlinie, sondern ist zu einem lebendigen Verbindungsglied zwischen Nord und Süd geworden.

- © Martin Erdniss

Die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino in Zahlen

1.842.603 EinwohnerInnen

900.000 Erwerbstätige

33 Bezirke und Bezirksgemeinschaften 

559 Gemeinden, darunter Stadt- und Marktgemeinden 

26.255 km² Gesamtfläche 

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Euregio beträgt 57,4 Milliarden Euro pro Jahr bzw. rund 55.900 Euro pro Kopf. Das entspricht etwa 0,5 Prozent des gesamten BIP der EU und liegt damit deutlich über dem Durchschnitt, wenn man das BIP pro Kopf betrachtet (über 30.000 Euro). 

Diese Wirtschaftskraft profitiert von einer hohen Erwerbsbeteiligung, niedriger Arbeitslosigkeit und hoher Produktivität. Besonders hervorzuheben ist Tirol mit einer Exportquote von 41,1 Prozent, während Südtirol und Trentino näher am nationalen Durchschnitt (23,9 Prozent) liegen. 

Für die Lebendigkeit und Vielfalt der Zusammenarbeit zwischen den drei Regionen spricht eine Zahl ganz besonders: Im Jahr 2024 arbeitete die Euregio an rund 100 direkten oder delegierten Projekten. Darunter befinden sich Initiativen in den Bereichen Sicherheit, Forschung, Verwaltung, Jugend und Kultur. 

Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit hat besonders die Themen Verkehr, Wettervorhersagen, aber auch Forschung und Ausbildung im Fokus. Hier wird insbesondere die duale Ausbildung gefördert. 

Panoramablick auf Wörgl in Tirol, Österreich
Wörgl in Tirol - © Hannes Mallaun - stock.adobe.com

Wirtschaft Tirol-Südtirol-Trentino: Auf Augenhöhe mit Bayern

Besonders interessant wird die Betrachtung im Vergleich mit anderen europäischen Spitzenregionen. Bayern etwa gilt als eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen Europas. Das bayerische BIP pro Kopf liegt bei 62.200 Euro (Stand: 2025) und damit nur geringfügig über jenem der Europaregion Tirol–Südtirol–Trentino.
 

Innerhalb der Region zeigen sich allerdings durchaus Unterschiede: Tirol erreicht laut Statistik Austria und dem Tiroler Wirtschafts- und Arbeitsmarktbericht 2026 ein BIP pro Kopf von rund 54.200 Euro. Südtirol kommt auf 61.500 Euro und liegt damit sogar auf Augenhöhe mit Bayern. Das Trentino erreicht 47.800 Euro.
 

„Südtirol und das Trentino gehören tatsächlich zu den wirtschaftsstärksten Provinzen Italiens und sichern ihrer Bevölkerung einen hohen Lebensstandard", erklärt Partacini. „Hinsichtlich BIP liegt Südtirol rund 65 Prozent über dem italienischen Durchschnitt, das Trentino etwa 28 Prozent."
 

Auch der aktuelle Arbeitsmarkt bestätigt die wirtschaftliche Stärke der Region. Während die Arbeitslosenquote in Italien bei rund sechs Prozent liegt, bewegt sie sich in Südtirol und Trentino bei etwa zwei Prozent. Tirol weist laut AMS mit 5,8 Prozent im Bundesländervergleich hinter Oberösterreich und Salzburg immerhin die drittniedrigste Arbeitslosenquote in Österreich auf.

Mario Sevignani, Werksleiter Verkauf bei Egger Holzwerkstoffe GmbH
„Die Euregio ist weit mehr als eine Tourismusdestination.“ Mario Sevignani, Werksleiter Verkauf bei Egger Holzwerkstoffe GmbH - © EGGER Holzwerkstoffe

Rechtliche Basis: Der Europäische Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ)

Der wirkliche Durchbruch in den Bemühungen um eine Zusammenarbeit kam 2011: die Gründung des Europäischen Verbunds für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ)

Damit wurde die Zusammenarbeit erstmals auf eine rechtlich verbindliche Basis gestellt. Seither agieren Tirol, Südtirol und Trentino als gleichberechtigte Partner und setzen gemeinsam Akzente in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. 

Die Euregio sei heute viel mehr als ein politisches Projekt, hieß es 2025 in einer Aussendung des Landes Tirol. „Sie ist ein gelebter Alltag für die Menschen – von der Lawinenwarnung bis zum Kulturfestival.” 

Und tatsächlich ist die Liste der gemeinsamen Erfolge lang:

  • Der Euregio-Lawinenwarndienst etwa liefert tagesaktuelle Informationen für Wintersportler und Bergretter – grenzüberschreitend und in drei Sprachen.
  • Der Euregio-FamilyPass erleichtert Familien den Zugang zu Freizeitangeboten in allen drei Regionen.
  • Über den EuregioScienceFund werden innovative Forschungsprojekte gefördert, die sich mit den Herausforderungen des Alpenraums beschäftigen – von der Klimakrise bis zur nachhaltigen Mobilität.

Die enge Zusammenarbeit bewährte sich vor allem auch in Krisenzeiten. So stimmten die Länder während der Corona-Pandemie ihre Maßnahmen eng ab, um die Auswirkungen der Grenzschließungen abzufedern und die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen.

Maurizio Todesco, Head of PR & Corporate Communications bei Leitner AG
„Die Euregio bietet klare Vorteile für international tätige Unternehmen.“ Maurizio Todesco, Head of PR & Corporate Communications bei Leitner AG - © Leitner AG

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Länder getrennt, heute sind Tirol, Südtirol und Trentino ein Vorbild erfolgreicher europäischer Zusammenarbeit. 

- © Euregio

Wäre die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino ein österreichisches Bundesland…

Im bloßen wirtschaftlichen Gedankenspiel als gemeinsames Bundesland betrachtet, würde die Euregio zweifellos zu den Schwergewichten im Alpenraum zählen. Mit knapp zwei Millionen Einwohnern wäre sie hinter Wien das bevölkerungsreichste Bundesland, flächenmäßig sogar mit Abstand das größte vor Niederösterreich.
 

Am aussagekräftigsten ist allerdings die wirtschaftliche Struktur. Die Region vereint Eigenschaften, die in Europa selten in Kombination auftreten: eine starke Industrie, ein exportorientierter Mittelstand, eine international erfolgreiche Tourismuswirtschaft, hohe Kaufkraft und eine strategische Lage an einer der wichtigsten Nord-Süd-Verkehrsachsen Europas.

„Die Stärke der Euregio liegt im Zusammenspiel dieser drei Bereiche", sagt Partacini. „Die Industrie sorgt für Produktivität, Innovation und Exportkraft. Der Tourismus bringt in allen drei Gebieten breite Wertschöpfung, schafft Beschäftigung und stärkt viele andere Branchen mit. Und der exportorientierte Mittelstand bildet das wirtschaftliche Rückgrat."

Im Jahr 2024 arbeitete die Euregio an rund 100 direkten oder delegierten Projekten.

Nicht nur Tourismus: Die Industrie der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino

Die Europaregion wird häufig auf ihre starke touristische Ausrichtung reduziert. Tatsächlich zählt der Tourismus zu den wichtigsten Wertschöpfungstreibern – die wirtschaftliche Realität präsentiert sich aber deutlich differenzierter.
 

Ein Beispiel dafür ist die Tiroler Egger Gruppe mit Stammsitz in St. Johann in Tirol. Das Familienunternehmen zählt heute mit rund 12.000 Mitarbeitenden und 22 Produktionsstandorten weltweit zu den international führenden Holzwerkstoffherstellern. Gleichzeitig ist es eng mit der Region verbunden. Im Geschäftsjahr 2024/25 erwirtschaftete die Gruppe einen Umsatz von 4,13 Milliarden Euro.
 

„Für uns ist die Europaregion weit mehr als eine Tourismusdestination", sagt Mario Sevignani, Werksleiter Verkauf bei Egger. „Sie verfügt über eine lange industrielle Tradition, insbesondere in der Holzverarbeitung, im Maschinenbau und in hochspezialisierten Industrien. Außerdem zeichnet sie sich durch eine starke Handwerkstradition und hohe Handwerkerdichte aus. Diese Kombination schafft hervorragende Bedingungen für industrielle Wertschöpfung."

  • Anton Mattle, Landeshauptmann von Tirol
    "Unsere alpine Region hat sehr viel zu bieten, denn viele Generationen haben unsere Regionen mit Fleiß, guten Ideen und Pionierarbeit zu florierenden Wirtschaftsräumen entwickelt."

    Landeshauptmann Anton Mattle

Standortvorteil Brennerachse: Logistik-Herz der Euregio

Unternehmen wie Egger profitieren dabei unter anderem von der geografischen Lage. Die Euregio liegt an einer der wichtigsten Nord-Süd-Transitachsen Europas und verbindet nicht nur die Wirtschaftsräume Deutschland, Österreich und Italien.

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„Die Nähe zu wichtigen Verkehrsachsen erleichtert uns sowohl die Beschaffung von Rohstoffen als auch die Distribution unserer Produkte in zentrale Absatzmärkte", erklärt Sevignani. „Insbesondere Italien ist für Egger ein bedeutender Markt. Die effiziente Logistik und die gute Erreichbarkeit unserer Kunden tragen maßgeblich zu unserer Wettbewerbsfähigkeit bei."
 

Mit der Fertigstellung des Brenner Basistunnels dürfte die Bedeutung der Brennerachse für die gesamte Region künftig noch weiter zunehmen. Denn der BBT gilt als eines der größten Infrastrukturprojekte Europas. Nach Fertigstellung wird man die Strecke Innsbruck- Bozen in 45 Minuten zurücklegen können – das sind um rund 80 Minuten weniger Fahrtzeit.

Laut Martin Ausserdorfer, dem Direktor der BBT-Beobachtungsstelle, ist der angepeilte Fertigstellungstermin 2032 „sehr realistisch“. 

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Straßenschild heißt in Italienisch, Deutsch und Englisch auf dem Brennerpass willkommen.
Dass der Brenner-Basistunnel (BBT) 2032 fertiggestellt wird, wird derzeit als realistisch eingeschätzt. - © Adobe stock/VRD

Rückblick: von der historischen Grafschaft zur modernen Europaregion

Bis zum Jahr 1919 erstreckten sich die Grenzen der ehemaligen gefürsteten Grafschaft Tirol, grob gesprochen, von Kufstein im Norden bis zum Gardasee im Süden. 

Die neue Grenze verlief am Brenner, knapp 40 Kilometer südlich von Innsbruck. Bis zum Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1985 war diese Grenze auch über den sprichwörtlichen Balken hinaus deutlich wahrnehmbar. 

Die Anfänge einer neuen Verbindung dieser drei Regionen nahmen in den frühen 1990er Jahren ihren Anfang. Bereits 1995 eröffneten die drei Länder ein gemeinsames Verbindungsbüro in Brüssel, um ihre Interessen auf europäischer Ebene zu bündeln.