Digitalisierung & Automatisierung Steiermark : Wie die Steiermark mit Automatisierung zum Jobmotor wird – wenn die Politik mitspielt

Siemens Mobility

Präzisionsbearbeitung von Radsätzen: Siemens in Graz fertigt hochmoderne Radsatzsysteme für den weltweiten Einsatz.

- © Lukas Elsneg / Siemens Mobility

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Mit einem Beschäftigungsplus von fast 60 Prozent seit 2008 und mittlerweile mehr als 44.000 Beschäftigten zählt die Automatisierung zu den am schnellsten wachsenden Branchen der Steiermark.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich daraus ein neues Stärkefeld entwickelt, das auch in den kommenden Jahren weiter wachsen wird. Bis 2030 könnten bis zu 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. 

Steiermarkweit steht der Sektor schon jetzt für eine Wertschöpfung von 6,3 Milliarden Euro. Heißt vereinfacht: Jeder zehnte steirische Euro wird in diesem Segment erwirtschaftet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Standort und Wirtschaft der WKO Steiermark, präsentiert anlässlich des „Internationalen Forum Mechatronik“. 

Die Veranstaltung, die am 24. und 25. September fast 400 Experten aus ganz Mitteleuropa in Graz zusammenführt, wird von der Plattform AT Styria organisiert.

Doch damit dieses Potenzial gehoben werden kann, braucht es klare politische Rahmenbedingungen. Denn die technologische Entwicklung allein genügt nicht. 

„Automatisierung und Digitalisierung können nur dann zur Erfolgsgeschichte werden, wenn die richtigen Weichen gestellt sind – in der Bildung, bei Förderungen und in der Infrastruktur“, betont Herbert Ritter, Vorsitzender von AT Styria.

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Automatisierung als steirischer Wachstumstreiber

Schon jetzt zeigt sich die wirtschaftliche Relevanz: Seit 2008 ist die Beschäftigung im Automatisierungssektor um fast 60 Prozent gestiegen. Die Branche erwirtschaftet eine Wertschöpfung von 6,3 Milliarden Euro – das entspricht jedem zehnten Euro in der steirischen Wirtschaft.

„Mit dem Bereich Advanced Technologies, Smart Production und Automation ist in der Steiermark ein zentrales Stärkefeld entstanden. Dieses Feld ist nicht nur ein Jobmotor, sondern auch ein Stabilitätsanker für die Gesamtwirtschaft“, so Ritter weiter. Aktuell sind im Cluster rund 1.200 offene Stellen gemeldet – ein deutliches Signal für den hohen Personalbedarf.

Auch Studienautor Ewald Verhounig, Leiter des Instituts für Standort und Wirtschaft, unterstreicht die Breite der Effekte: „Die Branche liefert nicht nur gesamtwirtschaftlich starke Impulse, sondern wirkt auch regionalpolitisch. Gerade in den ländlichen Regionen der Steiermark entstehen neue Arbeitsplätze.“ 

Damit profitiert auch der ländliche Raum in hohem Maße vom Wachstum.

Studienpräsentation: Studienautor Ewald Verhounig, Herbert Brunner, Landesinnungsmeister der Mechatroniker, AT Styria-Vorsitzender Herbert Ritter, Siemens Mobility-Standortleiter Stefan Erlach, Helmut Röck, Geschäftsführer des AT Styria (v. l.)
Studienpräsentation: Studienautor Ewald Verhounig, Herbert Brunner, Landesinnungsmeister der Mechatroniker, AT Styria-Vorsitzender Herbert Ritter, Siemens Mobility-Standortleiter Stefan Erlach, Helmut Röck, Geschäftsführer des AT Styria (v. l.) - © Lukas Elsneg / Siemens Mobilit

Siemens Mobility als Vorzeigebetrieb

Ein anschauliches Beispiel, wie moderne Produktionsprozesse aussehen können, liefert Siemens Mobility am Standort Graz-Eggenberg. Millionen wurden in neue Technologien investiert: Digitale Endabnahmen, Schweißroboter mit höchster Präzision, ein automatisiertes C-Teile-Logistiksystem und virtuelle Testläufe mittels digitaler Zwillinge (digital twins) sind nur einige der Maßnahmen.

Lesen Sie hier mehr über die Innovationskraft von Siemens Mobility

„Automatisierung bedeutet für uns nicht nur, neue Maschinen einzusetzen, sondern vor allem, die Qualifikation unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterzuentwickeln“, erklärt Stefan Erlach, Standortleiter von Siemens Mobility. „Wir brauchen jedes Jahr neues Personal – Menschen, die Roboter programmieren, digitale Prozesse überwachen und unsere Qualitätsstandards absichern.“

Zu den jüngsten Maßnahmen zählt eine digitale, weitgehend autonome Endabnahme: Fahrwerke werden dabei nicht mehr ausschließlich manuell kontrolliert, sondern durch modernste Sensoren und Software automatisch geprüft und dokumentiert. Ergänzt wird dies durch eine neue Schweißroboter-Linie, die höchste Präzision bei sicherheitsrelevanten Schweißnähten gewährleistet. Für die Montageprozesse hat Siemens außerdem ein innovatives C-Teile-Logistiksystem eingeführt – ein automatisiertes Lagersystem, das Kleinteile auf Knopfdruck bereitstellt und damit die Abläufe beschleunigt sowie Fehlerquellen reduziert. Digitale Zwillinge ermöglichen es außerdem, Drehgestelle bereits virtuell zu testen, noch bevor das erste physische Modell gefertigt ist. Damit werden Durchlaufzeiten verkürzt und die Flexibilität der Fertigung gestärkt. 

Auch außerhalb der urbanen Zentren zeigt der Sektor Wirkung. Ewald Verhounig, Leiter des Instituts für Standort und Wirtschaft, unterstreicht: „Die Branche liefert nicht nur gesamtwirtschaftlich starke Impulse, sondern wirkt auch regionalpolitisch. Gerade in den ländlichen Regionen der Steiermark entstehen neue Arbeitsplätze.“ Damit wird die Automatisierung auch zur Antwort auf den zunehmenden Strukturwandel in peripheren Regionen.

Weltkompetenzzentrum: Der Standort, der eine über 160-jährige Geschichte hat, beschäftigt rund 1.400 Mitarbeiter, 250 davon in Forschung und Entwicklung.
Weltkompetenzzentrum: Der Standort, der eine über 160-jährige Geschichte hat, beschäftigt rund 1.400 Mitarbeiter, 250 davon in Forschung und Entwicklung. - © Lukas Elsneg / Siemens Mobility

Nachwuchs in den Startlöchern

Die Zukunft des Sektors steht bereits in den Startlöchern: Der Bundeslehrlingswettbewerb der Mechatroniker, der aktuell parallel zum Internationalen Forum Mechatronik in Graz stattfindet, zeigt eindrucksvoll das Potenzial der jungen Generation. 15 Teilnehmer aus ganz Österreich – vier davon aus der Steiermark – messen sich in komplexen Aufgaben von Pneumatik über SPS-Programmierung bis hin zur präzisen Positionierung durch Greifarme.

Herbert Brunner, Landesinnungsmeister der Mechatroniker, bringt es auf den Punkt: „Die Mechatronik ist das Zukunftsfeld schlechthin. Junge Menschen, die diesen Beruf ergreifen, haben die Wahl zwischen Industrie, Forschung und Hightech-Handwerk.“

Weiblicher Mechatronik-Lehrling arbeitet an einem Tisch
Kampf um den Titel: 15 Lehrlinge aus unterschiedlichsten Teilen Österreichs kämpfen um die Mechatroniker-Krone. - © Lukas Elsneg

Ein Appell an die Politik

So vielversprechend die Entwicklung ist, sie kommt nicht von selbst. Es braucht gezielte Investitionen in:

  • Bildung und Fachkräfteausbildung, insbesondere in den MINT-Fächern
  • Infrastruktur, z. B. flächendeckendes Highspeed-Internet für smarte Produktionsprozesse
  • Forschung und Entwicklung, durch steuerliche Anreize und praxisnahe Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen
  • Arbeitsmarktpolitik, die Umschulungen und lebenslanges Lernen fördert

 „Smart Production“ ist kein abstrakter Zukunftsbegriff mehr – er ist gelebte Realität in der Steiermark. Mit Innovationskraft, Fachkräftenachwuchs und internationaler Vernetzung zeigt das Bundesland, wie der wirtschaftliche Strukturwandel gelingen kann. Doch die Richtung ist klar: Ohne politische Unterstützung wird das volle Potenzial nicht realisierbar sein.

Präzisionsarbeit in der Montagehalle: Siemens setzt auf hochautomatisierte Anlagen für den Zusammenbau von Fahrwerken und Schienenfahrzeugkomponenten.
Präzisionsarbeit in der Montagehalle: Siemens setzt auf hochautomatisierte Anlagen für den Zusammenbau von Fahrwerken und Schienenfahrzeugkomponenten. - © Siemens AG/Werner KRUG, 2024

Bundeslehrlingswettbewerb als Talentplattform

Dass Leitbetriebe wie Siemens auch in Zukunft auf bestens ausgebildete Fachkräfte zurückgreifen können, zeigt auch der aktuell parallel stattfindende Bundeslehrlingswettbewerb der Mechatroniker. 15 Nachwuchstalente aus verschiedenen Bundesländern treten in Graz gegeneinander an, um den Titel des besten Jungmechatronikers Österreichs zu erringen. Mit Niklas Rath (Pia Automation, Raaba-Grambach bzw. Niklas Neuhold, Tobias Wetl und Sandro Woschnigg (beide Knapp, Hart bei Graz) gehen gleich vier Kandidaten aus der Steiermark ins Rennen.

Die Aufgaben sind anspruchsvoll: Pneumatische Verschlauchung, elektrische Anschlüsse, Programmierung der SPS – am Ende muss ein Greifer Bauteile exakt positionieren und den vorgegebenen Ablauf fehlerfrei abarbeiten. „Die Mechatronik ist das Zukunftsfeld schlechthin. Junge Menschen, die diesen Beruf ergreifen, haben die Wahl zwischen Industrie, Forschung und Hightech-Handwerk. Der Wettbewerb macht sichtbar, dass wir in ganz Österreich auf höchstem Niveau ausbilden“, sagt Herbert Brunner, Landesinnungsmeister der Mechatroniker und Initiator des Bewerbs.

Lehrlingswettbewerb
Mechatroniker-Lehrling Lena Hörting aus Wien kämpft um den Titel beim Bundeslehrlingswettbewerb. - © Lukas Elsneg