Energie Österreich : Die 5 größten Probleme auf Österreichs Energiemarkt

Rund 92 Prozent des Stroms in Österreich stammte im November 2024 aus erneuerbaren Quellen, dank guter Erträge der Wasserkraft. Die Energiewende wirkt, aber Kunden profitieren preislich kaum davon. Hier das Verbund-Wasserkraftwerk Edling an der Drau.
- © Photofex - stock.adobe.comDer österreichische Energiemarkt leidet an zu wenig Wettbewerb und an starken monopolartigen Strukturen bei Strom und Gas. Das ist das Fazit einer Task-Force-Untersuchung der Regulierungsbehörde E-Control und der Bundeswettbewerbsbehörde BWB.
Das wirke sich auf die Preispolitik der Energieversorger aus, die für E-Control und BWB oft nicht mehr nachvollziehbar sind.
„Teilweise gibt es bei unterschiedlichen Produkten desselben Energieunternehmens große Preisdifferenzen, die mit der jeweiligen Einkaufsstrategie nicht hinreichend erklärbar sind“, sagt Leo Lehr, stellvertretender Leiter der Abteilung Volkswirtschaft bei der E-Control.
Im Krisenjahr 2022 kam der Wettbewerb am Endkundenmarkt für Strom und Gas in Österreich weitgehend zum Erliegen. Infolgedessen wurde im Jänner 2023 von der E-Control und der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) eine Taskforce zur Untersuchung der Situation auf den heimischen Strom- und Gasmärkten eingerichtet.
Der erste Zwischenbericht dieser Taskforce hat unter anderem bereits gezeigt, dass sich Anbieter aus dem Markt zurückgezogen oder nur noch in ihren lokalen Versorgungsgebieten Belieferung angeboten hatten. Die Preissituation war für die Konsumenten sehr herausfordernd. Neukundenangebote waren zudem in großen Teilen Österreichs nur zu hohen Preisen verfügbar, und es wurde eine starke Differenzierung zwischen verschiedenen Kundengruppen festgestellt.
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Warum fehlt der Wettbewerb?
„Die Marktkonzentration in den einzelnen Netzgebieten, sowohl bei Strom als auch bei Gas, ist weiterhin als sehr hoch einzustufen. Bei Erdgas erreichen die Landesenergieversorger (LEV) und größten Stadtwerke in ihren Netzen eine ähnlich starke Marktstellung wie bei Strom“, analysiert Natalie Harsdorf, Generaldirektorin der BWB.
Ein effektiver und funktionierender Wettbewerbsprozess um Endkunden sollte letztlich dazu führen, dass sich Preise sowohl für Neu- als auch Bestandskunden den Preisniveaus am Großhandelsmarkt für Strom und Gas annähern. In Österreich finde dieser aber nicht wirklich statt.
„Während die Großhandelspreise seit knapp 1,5 Jahren zurückgehen, zeigt die Erhebung der Taskforce bei großen Energieunternehmen, die rund 75 Prozent des Marktes in Österreich ausmachen, dass die Preisentwicklung bei den Endkunden in sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten verläuft. Dies gilt für Haushalte, aber auch kleinere Unternehmen“, kritisiert der Vorstand der Regulierungsbehörde E-Control, Wolfgang Urbantschitsch.
Abhängigkeit zwischen Politik und Energiebranche
Auch zeigt der Bericht von E-Control und BWB auf, dass es kaum Landesenergieversorger gibt, die außerhalb ihres Netzgebietes anbieten, was dazu führt, dass es kaum Wettbewerb im Bundesgebiet gibt und der Endkunde keine Anreize zum Wechseln seines Anbieters bekommt, wie auch Leo Lehr bestätigt.
Fast alle großen Energieversorger in Österreich sind zur Gänze oder zum Teil in öffentlicher Hand. Die Budgets der Bundesländer werden auch üppig aus Dividenden der Landesenergieversorger gespeist. Das schafft eine wechselseitige Abhängigkeit von Politik und Energieunternehmen, die kaum zu Anreizen einer wettbewerbsorientierten Marktsituation führt. Beim Energiepreis einzugreifen, ist schlichtweg nicht im Interesse der Politik, da man damit auch Einnahmen der öffentlichen Haushalte schmälern würde.
„Es gäbe auf europäischer Ebene längst einen Spielraum, regulierend auf die Energiepreise einzuwirken. Österreich macht davon kaum gebrauch, andere Länder in Europa tuen das sehr wohl“, berichtet Lehr von der E-Control.
Standort Österreich braucht billige Energie
Aufgrund der Strommarktliberalisierung in der EU sind Energieproduzenten, Netzbetreiber und Vertrieb heute getrennte Gesellschaften. Dennoch sind diese meistens in einem Gesamtkonzern durch Beteiligungen zusammengeschlossen. Vertriebsgesellschaften kaufen Strom zu und müssen die hohen Marktpreise an den Endkunden weitergeben.
Produktionsgesellschaften produzieren aber aufgrund des hohen Anteils erneuerbarer Energien in Österreich zu geringen Entstehungskosten und verkaufen zu hohen Marktpreisen. Aktuell profitiert der heimische Energiemarkt vom hohen Anteil grüner Energien aber preislich nicht. Zwischen billigen Erzeugerpreisen und teuren Endkundenpreisen besteht innerhalb der Energiekonzerne kein bilanzielles Konsolidierungsgebot.
Auch durch die Politik erfolgt keine hinreichende Umverteilung von Dividendenerträgen aus Beteiligung an der Energiewirtschaft zur Subventionierung billigeren Stroms oder zur Bereitstellung von Investitionskosten, etwa in den Netzausbau. Dieser wird ebenfalls zu großen Teilen durch den Endkunden getragen.
Trotz Rekordgewinnen der Energieversorger werden Netzkosten teurer, wie zuletzt in der Steiermark. Die Strompreiskompensation für die Wirtschaft ist bekanntlich ausgelaufen. Aktuell ist Österreich fast das einzige Land in ganz Europa, in dem hohe Marktpreise nicht durch Kompensationszahlungen auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zurückgeführt werden.
Politik muss Energiemarkt reformieren
Ohne Reform des heimischen Energiemarktes wird es keine wettbewerbsfähigen Energiepreise mehr in Österreich geben. Die Energiewende wirke zwar und die Investitionspolitik in erneuerbare Energien müsse unbedingt beibehalten werden, Wirtschaft und Bevölkerung partizipieren aber zu wenig.
„Die Politik ist gefordert, sich Varianten zu überlegen, wie die Wirtschaft sowie der private Endkunde stärker von günstigen, erneuerbaren Energien profitieren können“, plädiert auch Leo Lehr von der E-Control. „Hier braucht es gesetzliche Rahmenbedingungen, die im Sinne der Volkswirtschaft stärkere Eingriffe und Regulierungen oder Kompensation der Strom- und Gaspreise erlauben."
Die rechtlichen Möglichkeiten dazu würde das EU-Recht grundsätzlich vorsehen. „Auf eine Reform des europäischen Energiemarktes darf die heimische Politik jedenfalls nicht warten, denn diese wird noch Jahre in Anspruch nehmen, trotzt dessen, dass kürzlich Fortschritte gemacht wurden“, berichtet Lehr zum Fortschritt der Reformpläne auf EU-Ebene.
Energie ist hierzulande bis zu 20 bis 30 Prozent teurer als im benachbarten EU-Ausland und fast viermal so teuer wie in den USA.
Fragezeichen bei Gasversorgung
Wenn mit Jahresende die Gasversorgung aus Russland endet, stellen sich auch grundsätzliche Versorgungsfragen. Zwar sei die Diversifizierung inzwischen weit fortgeschritten und Österreich verfüge über genügend Speicherkapazitäten und alternativen Bezugsquellen, aber die Preissituation ist unklar.
„Es sind wieder steigende Gaspreise zu erwarten. Ein großes Fragezeichen ist weiterhin, ob Deutschland die Durchleitungsgebühr für Gas nach Österreich aufhebt oder nicht. Im Dezember gibt es dazu die letzte Beschlussmöglichkeit im deutschen Bundestag“, berichtet Lehr.
Passiert dies nicht, werden heimische Gaskunden gegenüber Deutschland preislich weiter benachteiligt bleiben, was sich vor allem auf die Energiekosten für Industrie und Wirtschaft auswirken wird.