Xpeng Magna Steyr : Liebesgrüße aus Peking: Wie chinesische E-Autobauer die Steiermark entdecken

Eine Reihe von E-Autos in der Produktion des chinesischen Autoherstellers XPENG.

Magna geht eine Partnerschaft mit XPENG ein, um neue Elektrofahrzeuge für den europäischen Markt zu montieren.

- © Peter Reiter

Noch vor wenigen Monaten war die Stimmung gedrückt. Projektabbrüche, eine Kundeninsolvenz, rote Zahlen – das Jahr 2024 geriet für Magna Steyr zum Stresstest. Die Insolvenz des US-E-Autobauers Fisker, das vorzeitige Aus für das Ineos-Fusilier-Projekt und eine deutliche Unterauslastung des Werks in Graz rissen Löcher in die Bilanz. 

Der Umsatz schrumpfte um 44 Millionen Euro auf 4,66 Milliarden Euro, operativ rutschte die Tochter des kanadischen Zulieferkonzerns in die Verlustzone. Rund 800 Stellen wurden abgebaut, ein Sozialplan umgesetzt. Der Personalstand sank von 7.781 auf 6.976 Beschäftigte. 

Dazu kommt ein struktureller Einschnitt: Mit dem Auslaufen der Produktion von BMW Z4 und Toyota Supra im Frühjahr 2026 verschwinden zwei traditionsreiche Linien. Für einen Auftragsfertiger wie Magna ist das existenziell – Stillstand bedeutet Kosten. 

Doch jetzt folgt die Kehrtwende. Und sie kommt ausgerechnet aus Peking

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XPENG P7 Weltpremiere auf der IAA 2025

Chinas Elektro-Offensive landet in Graz: Xpeng und GAC bei Magna Steyr

Gleich mehrere chinesische Hersteller setzen auf Graz als europäische Werkbank. Der Newcomer Xpeng lässt seit dem dritten Quartal 2025 seine SUV-Modelle G6 und G9 in der Steiermark fertigen. Nun kommt mit der E-Limousine P7+ bereits die dritte Baureihe hinzu – die Testproduktion ist abgeschlossen, die Serie steht bevor. 

Auch Guangzhou Automobile Group (GAC) vertraut auf Magna. In Graz entsteht der Aion V für den europäischen Markt. Der Konzern beschäftigt rund 100.000 Mitarbeitende und zählt zu den Schwergewichten der chinesischen Autoindustrie. 

Für Magna ist das mehr als nur Ersatzgeschäft. Die neuen Programme sichern die Auslastung über Jahre und bringen Milliardenpotenzial. Gleichzeitig verlängert Mercedes-Benz die Produktion der G-Klasse bis 2034. Im Sommer 2025 rollte das 600.000ste Fahrzeug vom Band – ein elektrischer G 580 EQ. Eine Stabilitätsgarantie in unsicheren Zeiten. 

Warum Xpeng und Co. lokal in Europa produzieren

Hinter den Deals steckt Kalkül. Chinesische Autobauer sehen sich in Europa mit steigenden Zöllen, strengeren Regulierungen und politischen Vorbehalten konfrontiert. Wer komplett fertige Fahrzeuge importiert, zahlt drauf. 

Die Lösung heißt SKD (Semi Knocked Down) bei der Fahrzeuge in China vormontiert, zerlegt, anschließend verschifft und in Graz endmontiert werden. Juristisch gilt das als europäische Fertigung, tarifär ist es deutlich günstiger. Lieferzeiten sinken, Kosten ebenso. Für die Hersteller ist das ein Türöffner in den EU-Markt. Für Magna ein neues Geschäftsmodell: Montagepartner statt bloßer Auftragsfertiger. 

Die Steiermark als strategischer Knoten in Chinas Lieferkette

Doch warum ausgerechnet die Steiermark und nicht Frankreich oder Osteuropa? 

Die Antwort liegt weniger in der Werkhalle als auf der Landkarte. Südösterreich wird zunehmend zur logistischen Drehscheibe zwischen Adria und Mitteleuropa. Über Bahnverbindungen nach Koper und Triest sowie über neue Achsen wie die Koralmbahn entstehen Alternativen zu den überlasteten Nordseehäfen. 

Gleichzeitig investiert China massiv in Südosteuropa. Der Hafen Piräus bereits ist in chinesischer Hand und wird im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative per Schnellbahn über Skopje und Belgrad Richtung Budapest angebunden. Ziel ist weniger der Balkanmarkt selbst als vielmehr der Zugang zum EU-Binnenmarkt. 

China ist inzwischen zweitgrößter Investor in der Region, Serbien erhält den Löwenanteil. Güterströme aus Piräus, Bar oder Thessaloniki können vergleichsweise schnell nach Mitteleuropa weitertransportiert werden – Graz liegt geostrategisch günstig in diesem Netz, denn die mit Graz verbundenen Adria-Häfen Koper und Triest fungieren schon seit einiger Zeit als erweiterte Kapazitäten und Alternative zu Piräus. 

Am Cargo Terminal Graz steigen die Umschläge chinesischer Kunden spürbar. Logistik und Industrie greifen ineinander. Branchenkenner sagen: Diese Infrastruktur war bei den Magna-Verhandlungen kein Nebenaspekt. 

Xpeng Graz und Magna Steyr als Innovationspartner

Christa Zengerer, Geschäftsführerin des Automotive-Clusters ACstyria, sieht darin einen strukturellen Vorteil: „Neue Aufträge von internationalen OEMs wirken sich positiv auf die steirische Mobilitätsindustrie aus, da sie die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Steiermark bestätigen. Sie sorgen für Chancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette und können unsere technologieorientierten Zulieferbetriebe stärken.“ 

Für chinesische Hersteller gehe es daher nicht nur um Montagekapazitäten, sondern um Innovationspartnerschaften

Mit anderen Worten: Graz liefert nicht nur Hände, sondern Know-how

„Neue Aufträge aus China erweitern die bestehenden Märkte und tragen zu einer stärkeren internationalen Diversifizierung bei. Langfristig erhöht das die Resilienz des Standorts und eröffnet zusätzliche Innovations- und Wachstumsperspektiven für unsere Unternehmen“, ist Zengerer überzeugt.  

Reibungspunkte könnten aber durch unterschiedliche Marktgeschwindigkeiten oder regulatorische Rahmen entstehen. Es brauche daher eine klare strategische Ausrichtung kann die Reibungspunkte minimieren. 

Eine F&E Quote von über 5 Prozent, die hohe technologische Kompetenz unserer Unternehmen und Institutionen sowie die enge Vernetzung von Industrie, Wissenschaft und öffentlicher Hand machen die Steiermark jedenfalls zu einem attraktiven Automotive-Standort, auch für chinesische Partner. Für chinesische Unternehmen sei die Steiermark damit nicht nur Produktionsstandort, sondern Innovationspartner, so Zengerer. 

Zwischen Chance und geopolitischem Drahtseilakt

Ganz ohne Risiken ist die neue Nähe zu China jedoch nicht. Europas Industriepolitik wird protektionistischer, Brüssel prüft Subventionen, diskutiert Anti-Dumping-Maßnahmen und fordert „strategische Autonomie“. 

Für Magna bedeutet das eine Gratwanderung: Einerseits öffnen chinesische Aufträge neue Märkte und erhöhen die Resilienz, andererseits könnten politische Spannungen oder Handelskonflikte Projekte abrupt gefährden. 

Auch traditionelle Partner – vor allem deutsche Hersteller – beobachten die Entwicklung aufmerksam. Unterschiedliche Marktgeschwindigkeiten und regulatorische Anforderungen könnten Reibungspunkte erzeugen. 

Magna Steyr: Vom Krisenfall zum Brückenkopf für chinesische Elektromobilität

Fest steht, ohne China wäre der Neustart schwerer gefallen. Die neuen Programme füllen die Hallen, sichern Jobs und verschaffen Zeit für den technologischen Wandel. 

Was als Rettungsanker begann, entwickelt sich zum strategischen Brückenkopf. Graz wird zum europäischen Andockpunkt chinesischer Elektromobilität – ein Rollenwechsel mit Signalwirkung. 

Die „Liebesgrüße aus Peking“ sind deshalb weniger romantisch als pragmatisch. Es geht um Zölle, Lieferketten, Machtverschiebungen. Doch für die Steiermark bedeuten sie vor allem eines: neue Perspektiven.  

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