Pensionsantrittsalter Österreich und Teilzeitquote : Max Lercher (SPÖ Steiermark) schießt scharf gegen IV-Präsident Georg Knill

Max Lercher von der steirischen SPÖ redet an einem Pult während einer Sonderlandtagssitzung des Steirischen Landtags 2025 in Graz.

"Lassen Sie endlich die Leistungsträgerinnen und Leistungsträger in Ruhe, Herr Knill", sagt Max Lercher von der steirischen SPÖ.

- © APA/ERWIN SCHERIAU

Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung, hat in einem Interview seine Forderung nach einer Anhebung des Pensionsalters wiederholt. Zudem will er nun auch die Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhöhen.

Was muss ein altersgerechter Arbeitsplatz können?

Mit Kritik ließ nicht lange auf sich warten, wie Sie weiter unten lesen können.

Aus Sicht der Industrie werde in Österreich zu wenig gearbeitet, so Knill. Immer mehr Köpfe leisteten immer weniger Stunden. Vor allem die 1,2 Millionen Teilzeit-Beschäftigungsverhältnisse – 31 Prozent aller Jobs – belasten laut IV den Sozialstaat, da weniger Beiträge geleistet werden. Knill schlug daher einen Fixbetrag vor, um Vollzeitarbeit attraktiver zu machen.

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Sozialausgaben in Österreich nach Sozialschutzsystemen (im Jahr 2023, in Milliarden Euro)

Quelle: Statista

- © Statista

Kritik von SPÖ und steirischem SP-Chef Lercher

Der steirische SPÖ-Chef Max Lercher reagierte scharf: "Herr Knill kann es scheinbar nicht lassen und will die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Österreich noch mehr unter Druck setzen und auspressen. 

Was wir in Österreich eigentlich bräuchten, ist ein Systemwandel. Wer täglich leistet, verdient Respekt und soll sich etwas leisten und aufbauen können. Darum sage ich: Lassen Sie endlich die Leistungsträgerinnen und Leistungsträger in Ruhe, Herr Knill!"

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Lercher äußert sich weiter klar gegen eine Anhebung des Pensionsantrittsalters. 

"Diese gesamte Debatte geht ohnehin an der Lebensrealität der Menschen vorbei. Alle reden darüber, ob und wie die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer länger arbeiten sollen, aber fast kein Unternehmen ist bereit, ältere Arbeitskräfte einzustellen. Hier müssen wir ansetzen, damit Menschen auch tatsächlich bis zu ihrem Pensionsantritt in Beschäftigung bleiben können."

Lercher brachte konkrete Vorschläge zur Stärkung des Standorts: "Reden wir über gezielte Investitionen, über die Versorgung unserer Betriebe mit leistbarer Energie, bei uns etwa mit einem Steiermarktarif der Energie Steiermark sowie über eine langfristige Industrie- und Standortstrategie."

Lesen Sie hier mehr zu Industrieinvestitionen in der Steiermark: Zu wenig Gelder in Südösterreich verhindern größte Potenziale.

Zur Attraktivität der Vollzeitarbeit sagte Lercher: "Vollzeitarbeit wird dann wieder attraktiver, wenn man von seiner Leistung gut leben und sich Wohlstand aufbauen kann."

Auch die Rahmenbedingungen müssten verbessert werden, etwa durch einen massiven Ausbau der Kinderbetreuung – ein Punkt, bei dem die Politik gefordert ist. 

"Ich halte jedoch nichts davon, Teilzeitbeschäftigte zu bestrafen, indem man ihre Beiträge erhöht. Herr Knill könnte auch seinen Einfluss in der Wirtschaft nutzen und sich für ein größeres Angebot an Vollzeitstellen einsetzen. Denn in vielen Branchen werden fast ausschließlich Teilzeitstellen ausgeschrieben", so Lercher weiter.

"Alle reden darüber, ob und wie die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer länger arbeiten sollen, aber fast kein Unternehmen ist bereit, ältere Arbeitskräfte einzustellen", kritisiert Max Lercher.

- © HuePhoto

Knills Vorschlag für Mindest-SV-Beitrag und Pensionsantrittsalter

Knills Idee für einen Mindest-Sozialbeitrag bei Teilzeit-Dienstverhältnissen: eine Berechnung nach einem Durchschnittswerts der Mindestkollektivverträge für Vollzeitbeschäftigung. In der Schweiz und in Rumänien gebe es etwa solche Regelungen. 

"Aufgrund der Branchendifferenzierung durch die Kollektivve:rträge wird man als Bemessungsgrundlage für einen Mindest-SV-Beitrag die Mindestlöhne für eine Vollzeitbeschäftigung heranziehen müssen", so Knill.

Zwei Drittel der Teilzeit beruhe auf freiwilliger Entscheidung, erklärte Knill. Es sei auch legitim, sich das auszusuchen. Aber: Teilzeitbeschäftigte müssten seiner Ansicht nach mehr in den Sozialversicherungstopf einzahlen. Schließlich würden sie die gleichen Leistungen wie Vollzeitbeschäftigte erhalten. Dadurch solle zugleich die Attraktivität von Vollzeitarbeit steigen.

Die Senkung des Einstiegssteuersatzes auf 20 Prozent habe Teilzeit zuletzt zusätzlich attraktiviert, so Knill. Für das Drittel, das aus Betreuungsgründen Teilzeit arbeitet, brauche es mehr Betreuungseinrichtungen. Dann könnten auch aus dieser Gruppe mehr Menschen potenziell Vollzeit arbeiten.

Auch zur Lebensarbeitszeit hat Knill einen neuen Vorschlag eingebracht. Nachdem sein früherer Vorstoß, das Pensionsantrittsalter auf 70 Jahre zu erhöhen, auf breite Ablehnung gestoßen war, nannte er nun einen neuen, "pragmatischen Zugang", bei dem der Vertrauensschutz erhalten bleiben solle.

Ab dem 1. Jänner 2034 – also jenem Datum, an dem das Frauen-Pensionsantrittsalter jenem der Männer von 65 Jahren angepasst wird – solle das allgemeine Antrittsalter bis 2040 pro Jahr um ein halbes Jahr auf 68 Jahre steigen. 

"Das trifft meine und folgende Generationen, nicht die jetzige oder baldige Pensionisten", sagte der 52-jährige Knill.

Deutliche Kritik von Gewerkschaften und Grünen

Die Vorschläge von Knill sorgten auch bei Gewerkschaften und weiteren Parteien für scharfe Ablehnung. 

Barbara Teiber, Vorsitzende der Gewerkschaft GPA und SPÖ-Abgeordnete, nannte Knills Ideen "realitätsfern und zynisch": "Die Pensionshöhe und viele weitere Versicherungsleistungen sind abhängig vom eingezahlten Beitrag. Wer weniger verdient, weil er weniger arbeitet, bekommt auch weniger."

Ähnliche Kritik kam von Pro-Ge-Chef Reinhold Binder und FSG-Chef Josef Muchitsch, letzterer SPÖ-Sozialsprecher und Chef der Gewerkschaft Bau/Holz.

Markus Koza, Sozialsprecher der Grünen, sagte: "Simple Antworten auf komplizierte Probleme sind kein lösungsorientierter Beitrag zur verbalen Dauerschleife von IV-Präsident Knill." 

Ein höheres gesetzliches Pensionsantrittsalter helfe nichts, wenn Menschen ab 55 Jahren keine oder nicht altersgerechte Jobs mehr bekommen. (LB/APA)

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