Medikamentenengpass : Medikamentenengpass Österreich: RCPE Graz über Notfallproduktion und Wirtschaftlichkeit
Es gibt kaum noch Medikamentenproduktionen in der EU, geschweige denn in Österreich.
- © adobe stock|I ViewfinderIn Österreich und auch in weiten Teilen der EU herrscht ein Medikamentenengpass. Mehr als zwei Drittel der Wirkstoffproduktion findet in Asien statt. Höchste Zeit, um in die Versorgungssicherheit in Europa zu investieren.
Österreich könnte dabei eine Schlüsselrolle spielen. Johannes Khinast, CEO und wissenschaftlicher Leiter des Research Center Pharmaceutical Engineering RCPE in Graz erklärt im Interview, warum der Aufbau einer Notfallproduktion für Medikamente für die strategische Sicherheit Österreichs unbedingt notwendig ist.
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Die China-Situation und warum Europa reagieren muss
WIRTSCHAFTSNACHRICHTEN: Es gibt kaum noch Medikamentenproduktionen in der EU, geschweige denn in Österreich. Wie bedenklich sind die Lieferengpässe bei wichtigen Medikamenten schon geworden?
Johannes Khinast: Die Abhängigkeit Europas von China bei der Produktion von Wirkstoffen, beispielsweise im Bereich Antibiotika, ist höchst bedenklich. Während es in Europa noch einzelne Standorte wie Sandoz in Kundl gibt, deckt China mittlerweile etwa 70% der globalen Wirkstoffproduktion ab, bei bestimmten Medikamenten sind wir sogar zu 100% abhängig.
China zeigt offen geopolitische Ambitionen und nutzt Handelsgüter wie Mikrochips und seltene Erden bereits als strategische Waffen. Angesichts militärischer Spannungen um Taiwan und des Nahverhältnisses China-Russland ist unsere Versorgungssicherheit daher akut gefährdet. Darauf nicht zu reagieren, wäre naiv und fahrlässig.
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Die Rolle von RCPE
Das RCPE in Graz beschäftigt sich mit innovativen Produktionsverfahren für Medikamente und könnte mit einem neuen Notfallverfahren bei Lieferengpässen einspringen. Wie wichtig ist es, dass es eine solche Notfallproduktion in Österreich gibt? Wie würde das im Ernstfall ablaufen?
Khinast: Die Fähigkeit, bei einem Medikamentenmangel rasch zu reagieren, ist essenziell für die Resilienz unseres Gesundheitssystems. Arzneimittelversorgung ist wie militärische Sicherheit, Kommunikation oder Energie eine Säule der nationalen Sicherheit.
Durch die Entwicklung intelligenter Produktionsmethoden haben wir die Voraussetzungen geschaffen, im Ernstfall innerhalb von 1-2 Wochen kritische Arzneimittel aus (mit speziellen Methoden bevorrateten) Wirkstoffen herzustellen. Die Versorgung mit den wichtigsten Medikamenten muss für zumindest 6 Monate gesichert sein.
Das Standort-Problem Europas in der Medikamentenproduktion
Das Hauptproblem ist die Finanzierung. Standortkosten sind in Europa für Medikamentenproduktion oft einfach unwirtschaftlich. Lieferengpässe bei Medikamenten können aber nicht nur Menschenleben kosten, sondern auch teuer werden, denn Marktpreise steigen mit knappem Angebot. Wie kann eine Notfallproduktion hier auch wirtschaftlich Sinn machen?
Khinast: Durch modernste, intelligente Produktionstechnologie lassen sich Medikamente heute wesentlich kostengünstiger und umweltfreundlicher herstellen als bisher – und somit konkurrenzfähig mit Asien. Neben geringen Emissionen und Abfall entsteht ein bedeutender Mehrwert: Die Versorgungssicherheit vermindert das Risiko von Preisspitzen am Markt und schützt Menschenleben. Damit drehen wir den (oft zu hoch bewerteten) Kostenvorteil asiatischer Standorte um und schaffen nachhaltige Produktion im eigenen Land.
Nicht zuletzt geht es auch um Versorgungssicherheit: Welche Medikamente bzw. in welcher Stückzahl könnten bei der RCPE in Notfall vorgehalten werden?
Khinast: Im Fokus einer österreichischen Notfallreserve stehen lebenswichtige Medikamente wie Antiinfektiva gegen verschiedene Bakterien und Viren, Schmerzmittel, Anästhetika, Medikamente gegen Allergien und Asthma, für die Traumaversorgung sowie zur Behandlung von Herz-Kreislauf- und psychiatrischen Erkrankungen. Die Liste kritischer Medikamente der Weltgesundheitsorganisation WHO stellt hierfür den Orientierungsrahmen dar, um möglichst viele Versorgungsengpässe abfedern und die öffentliche Gesundheit bestmöglich absichern zu können.