Koralmbahn Eröffnung : Josef Herk (WKO) über Wirtschaftsmotor Koralmbahn: Stadtregierungen müssen Priorität erkennen

Josef Herk, Präsident der WK-Steiermark plädiert an die Politik, die „Jahrhundertchance“ Koralmbahn zu nutzen und bei weiteren Infrastrukturprojekten und bei der Standortentwicklung nicht auf der Bremse zu stehen.
- © SymbolWIRTSCHAFTSNACHRICHTEN: Mit Ende des Jahres nimmt das „Jahrhundertprojekt“ Koralmbahn offiziell seinen Betrieb auf. Das ist der Startschuss für ein Infrastrukturprojekt, das Südösterreich zusammenwachsen lässt. Welche Projekte müssen der Koralmbahn noch folgen, damit möglichst alle Regionen vom neuen Wirtschaftsraum AREA Süd profitieren?
Josef Herk, Präsident WK Steiermark: Dieser neue Wirtschaftsraum in Süden Österreichs, der maßgeblich von den Wirtschaftskammern in Kärnten und der Steiermark vorangetrieben wurde und auch weiterhin wird, braucht selbstverständlich weitere Infrastrukturprojekte, damit niemand auf dem Abstellgleis landet.
Es müssen natürlich auch jene Regionen an die Koralmbahn angebunden werden, die nicht direkt auf der Strecke liegen. Dafür braucht es den zweigleisigen Ausbau nach Leoben und den Lückenschluss Graz-Bruck, sowie endlich den Start für den Ausbau der Phyrn-Schober-Achse und auch neue Straßenprojekte, wie etwa den Ausbau der A9 oder der S36.
Es entsteht hier der zweitgrößte Wirtschaftsraum Österreichs, der selbstverständlich auch die Anbindungen braucht, damit alle davon profitieren können. 2030 geht es ja weiter mit dem Semmering-Tunnel und dann wird die Baltisch-Adriatische-Achse auch endlich Realität.
Wir setzen daher auch Initiativen, um Regionen und Gemeinden zu sensibilisieren, sich etwa in der Raumordnung auf die Bedürfnisse des neuen Wirtschaftsraumes einzustellen. Es gilt jetzt, diese „Jahrhundertchance“ in allen Bereichen zu nutzen.
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"Ich hab den Eindruck, im Grazer Rathaus weiß man noch nicht einmal, dass die Koralmbahn gebaut wird."
Josef Herk, Präsident der WK Steiermark
Wichtigkeit der AREA Süd
Wie wichtig ist es, die AREA Süd auch in den Alpen-Adria-Raum weiter zu integrieren?
Herk: Bevor wir mit der AREA Süd überhaupt begonnen haben, hat es schon eine Renaissance des New-Alpen-Adria-Netzwerkes gegeben. In den letzten Jahren haben wir uns als Export-Bundesland sicher sehr stark auf die Weltmärkte konzentriert, ich möchte aber betonen, dass das Gute oft sehr nahe liegt.
Unsere traditionellen, nachbarschaftlichen Beziehungen im Alpe-Adria-Raum sind für unseren Exporterfolg unglaublich wichtig, man denke nur an den Zugang zu Seehäfen in Triest oder Koper. Die Wirtschaft hört ja nicht an der Grenze auf bzw. die Wirtschaft kennt keine Grenzen. Insofern ist die AREA Süd auch die Möglichkeit, die Chancen des Südens – und damit ist die Alpe-Adria-Region und auch Südosteuropa gemeint – neu zu beleben.
Mehr dazu hier: Die AREA Süd wird zur Jahrhundertchance für Kärnten
Da ist für mich ganz besonders wichtig, zu schauen, wo wir hier auch wieder an historische Wurzeln in den Wirtschaftsbeziehungen anschließen können. Wir feiern heuer 175 Jahre Wirtschaftskammer Steiermark. Wenn man in dieser langen Geschichte zurückschaut, sieht man ganz klar, wie eng die Kontakte mit unseren heutigen Nachbarländern waren.
Es gibt hier vieles, das uns verbindet. Vielleicht sollte die Politik mehr darüber reden als über ein paar Passagen in der Landeshymne.
In der Steiermark hat die Bildung einer neuen Landesregierung schnell funktioniert. Wird der Standortpolitik auch ausreichend Priorität eingeräumt?
Herk: Wir haben ein „100-Maßnahmen-Paket“ für den Standort vorgestellt und unsere Vorschläge der neuen Landesregierung übermittelt. Darin haben wir in vielen strategischen Feldern intensive Vorarbeit geleistet und in den Erstgesprächen wurde das aus meiner Sicht von den Koalitionspartnern in der Steiermark sehr ernst genommen.
Ich denke, das Bewusstsein ist wieder da, Standortpolitik an die oberste Stelle der Tagesordnung zu stellen. Wie viel sich aber aufgrund der budgetären Situation wirklich umsetzen lässt, ist eine andere Frage.
Klar muss aber auch sein, dass es viele Maßnahmen gibt, die nicht budgetwirksam sind, dieses sogar entlasten und der Wirtschaft immens viel bringen. Das sind etwa Bürokratieabbau oder die Verkürzung der Verfahrensdauer.
Man wird auch nach einem Kassasturz definieren müssen, wo in der Gegenwart die Priorität liegt und wie es mittel- und langfristig weitergeht. Denn eines ist schon klar: Ohne florierende Wirtschaft gehen die Staatseinnahmen nicht in die Höhe. Und dann wird es schwierig, auch alle anderen relevanten Bereiche in der Gesellschaft zu finanzieren.
Ich erwarte mir von der Politik, dass sie Entscheidungen trifft. Niemand muss auf Wien oder Brüssel warten, schon gar nicht im Bereich der Bürokratie.
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Standortpolitik genießt zu wenig Priorität
Sowohl in Graz als auch in Klagenfurt, die beiden Städte, die die Koralmbahn verbinden wird, gibt es Stimmen, die diese noch nicht auf die „Jahrhundertchance“ vorbereitet sehen. Hat Standortpolitik in Graz aktuell Priorität?
Herk: Das kann man kaum behaupten. Ich habe den Eindruck, im Rathaus weiß man noch nicht einmal, dass die Koralmbahn gebaut wird– so wenig Initiative und Interesse nehme ich von der Stadt Graz wahr.
Das trifft mich auch, weil hier wirklich Chancen vertan werden. Mein Kollege aus Kärnten, Jürgen Mandl, berichtet mir von ähnlicher Wahrnehmung über Klagenfurt. Dass hier die beiden Landeshauptstädte auf Ebene der Stadtpolitik sich so wenig mit den Potenzialen der Koralmbahn oder überhaupt des neuen Wirtschaftsraumes Südösterreich beschäftigen, halte ich für fast schon verantwortungslos.
Die großen Handelsketten wie H&M kehren der Grazer Innenstadt den Rücken. Immer mehr Wirtschaftstreibende wissen bald nicht mehr weiter und man hat den Eindruck, im Rathaus werden diese Sorgen belächelt. Dabei könnte die Koralmbahn ein unglaublicher Frequenzbringer werden – für beide Städte, wenn etwa die Grazer zum Baden an den Wörthersee und die Klagenfurter nach Graz in die Oper fahren.
Ich wünsche mir hier deutlich mehr Dialog, Initiative und vor allem Interesse vonseiten der Stadtregierung. Da können sich für den Wirtschaftsraum Graz und Klagenfurt große Chancen ergeben. Also mein Appell lautet: Bitte aufwachen.
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