Maros Sefcovic : Ist das der neue starke Mann Europas?

EU-Kommissar Maros Sefcovic 2024 am Rednerpult der EU.

EU-Kommissar Maroš Šefčovič: Spitzname „Mr Fix It“?

- © APA/AFP/JOHN THYS

Maros Sefcovic (eigentliche Schreibweise: Maroš Šefčovič) steht als EU-Kommissar für Handel und Wirtschaftliche Sicherheit an vorderster Verhandlungsfront mit US-Präsident Donald Trump. Was er derzeit auf internationaler Bühne leistet, sorgt selbst in entgegengesetzten politischen Lagern für Anerkennung. 

Ursula von der Leyen, die konservative Kommissionspräsidentin, lobt seine „unermüdliche Arbeit und kluge Steuerung“ im transatlantischen Handelskonflikt. Und Robert Fico, der russlandfreundliche Premier der Slowakei, gratuliert öffentlich zu seinem Erfolg beim neuen Handelsabkommen mit den USA. Ein solches Maß an überparteilicher Zustimmung ist in Brüssel selten – und spricht Bände über die zentrale Rolle, die Šefčovič mittlerweile spielt. 

Das Nachrichtenportal Euractiv hat kürzlich ein umfassendes Portrait über ihn veröffentlicht, das den Aufstieg eines lange unscheinbaren EU-Bürokraten aus einem kleinen, osteuropäischen Land ins Zentrum der Macht beschreibt. 

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Maroš Šefčovič hält eine Rede über US-Zölle und Verhandlungen mit Trump.

"Mr Fix It" im Krisenmodus

Mit einem 15-prozentigen US-Strafzoll im Raum, der die europäische Wirtschaft empfindlich treffen könnte, ist Šefčovič aktuell in zähen Verhandlungen mit US-Vertretern Howard Lutnick und Jamieson Greer – beides enge Vertraute von Donald Trump. 

Der Kommissar weiß: Es geht um Millionen Jobs und Billionen an Handelsvolumen. „Ein Abkommen ist besser als ein Handelskrieg“, betont er nüchtern – und zeigt damit erneut, wie sehr er Pragmatismus über Symbolpolitik stellt.

In der EU-Kommission hat sich der 59-Jährige längst den Spitznamen „Mr Fix It“ verdient. Drei Kommissionspräsidenten haben sich auf seine ruhige, sachkundige und kompromissorientierte Art verlassen. Ob interne Reformen, Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine oder das Nordirland-Protokoll im Zuge des Brexit – Šefčovič war stets zur Stelle, wenn es heikel wurde.

© European Commission

Zwischen Brüssel und Bratislava – der Balanceakt eines Beamten

Geboren in einem Vorort von Bratislava, groß geworden im Schatten des Eisernen Vorhangs, führte Šefčovičs Weg über das sowjetische Eliteinstitut MGIMO bis an die Spitze europäischer Politik. Und obwohl ihm bis heute sein russisches Studium nachhängt – inklusive Misstrauen im Heimatland –, hat er sich einen festen Platz in der EU erarbeitet. Seine Stationen in Simbabwe, Kanada, Israel und Brüssel machen ihn zu einem der erfahrensten Diplomaten Europas.

Sein Verhältnis zu Premier Fico ist dabei ambivalent. Nicht Mitglied der Smer-Partei, aber von Fico mehrfach nominiert, steht Šefčovič unter genauer Beobachtung. Besonders seit Ficos umstrittenem Ukraine-Kurs – gegen Waffenlieferungen, gegen Sanktionen – muss sich der EU-Kommissar klar positionieren. Und er tut es: pro-europäisch, loyal gegenüber der Kommissionspräsidentin und mit klarem Bekenntnis zur Ukraine. In Brüssel sieht man ihn als „Mann von der Leyens“ – als ihren stillen, aber verlässlichen Problemlöser.

Ein Beamter mit politischen Ambitionen?

Obwohl er stets als technokratisch beschrieben wird, scheut Šefčovič politische Ambitionen nicht. 2019 kandidierte er – unterstützt von Fico – für das Präsidentenamt in der Slowakei. Der Versuch, mit einem konservativen Kurs konservative Wähler zu mobilisieren, wirkte jedoch auf viele künstlich. Vertraute berichten, Šefčovič habe sich dabei „verstellt“. Der Wahlsieg ging an die liberale Zuzana Čaputová. Der Preis: Glaubwürdigkeitsverlust – zumindest kurzfristig.

Doch zurück in Brüssel bewies er erneut seine Anpassungsfähigkeit. Während andere laut oder impulsiv agieren, bleibt Šefčovič ruhig, sachlich und lösungsorientiert. Ein hoher EU-Beamter beschreibt ihn als „Aal“ – einer, der sich durch jede politische Lage schlängelt, ohne anzuecken. Und vielleicht ist genau das in Zeiten politischer Hitzköpfe seine größte Stärke.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen 2025 im Gespräch mit EU-Kommissar Maros Sefcovic
Ursula von der Leyen lobt Sefcovics „unermüdliche Arbeit und kluge Steuerung“ im transatlantischen Handelskonflikt. - © APA/AFP/Jean-Christophe VERHAEGEN

Maroš Šefčovič – der leise Aufstieg zur europäischen Schlüsselfigur

Šefčovič verkörpert, was in der EU oft vermisst wird: Stabilität, Fachkenntnis und Geduld. Ob das reicht, um als „starker Mann Europas“ zu gelten? Vielleicht. Zumindest ist er ein stiller Machtfaktor, der zwischen Washington, Brüssel und Bratislava vermittelt – mit dem langfristigen Ziel, die EU handlungsfähiger und geeinter zu machen.

Im April 2027 wird er der am längsten amtierende EU-Kommissar der Geschichte sein. Und wenn es nach ihm geht, ist noch lange nicht Schluss: „Ich glaube an den Dienst im öffentlichen Amt, solange ich etwas bewirken kann“, sagt er.

Die Frage ist nicht mehr, ob Maroš Šefčovič Einfluss hat. Die Frage ist: Wird er der nächste große Architekt eines neuen europäischen Pragmatismus – oder bleibt er der ewige Technokrat im Schatten anderer? Die Antwort könnte schon bald die wirtschaftliche Zukunft Europas mitentscheiden. 

Jedenfalls steigt mit ihm aktuell eine neue Personalie in Brüssel auf. Šefčovič scheint eine besondere Eigenschaft zu besitzen, die Ursula von der Leyen fehlt: Er kann die Brüssel-Kritiker in Zaum halten, wie sein Verhältnis zu Robert Fico zeigt. 

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