EZB Geldpolitik : Ende der restriktiven Zinspolitik steht bevor

Die EZB in Frankfurt wird demnächst eine weitere Zinssenkung vornehmen. Vermutlich wird diese aber das Ende einer restriktiven Geldpolitik einläuten.
- © cineberg - stock.adobe.comEs wird allgemein erwartet, dass die EZB auf ihrer geldpolitischen Sitzung im März die Leitzinsen erneut um 25 Basispunkte senken wird. Wie es danach weitergeht, ist weniger klar, geben Experten des US-Finanzdienstleisters Vanguard bekannt. Die hawkishen Kommentare einflussreicher Mitglieder des EZB-Rats, vor allem von Isabel Schnabel, und die Verbesserung der kurzfristigen Wachstumsaussichten seien die Gründe dafür.
Die Europäische Zentralbank (EZB) wird demnach ihre Geldpolitik am Donnerstag um weitere 25 Basispunkte lockern. Dieser Ansicht ist Shaan Raithatha, Senior Economist der Vanguard Investment Strategy Group: „Damit wird der Zinssatz für die Einlagefazilität bei 2,5 Prozent und damit am oberen Ende unserer Schätzung des neutralen Bereichs (2 bis 2,5 Prozent) liegen, was faktisch das Ende der ,restriktiven‘ Geldpolitik in der Eurozone bedeutet. Wir plädieren weiterhin für eine Reihe von Zinssenkungen bis Juli, so dass der Leitzins bei 1,75 Prozent liegen würde.“
Nie mehr die wichtigsten lokalen Nachrichten aus dem Donauraum Österreichs aus Wirtschaft und Politik verpassen. Abonnieren Sie unseren wöchentlichen Newsletter: Hier geht’s zur Newsletter-Anmeldung!
Die Wahrscheinlichkeit für stärkeres Wachstum (und folglich das Risiko einer langsameren Lockerung) sei jedoch gestiegen, da die Wirtschaftstätigkeit vermutlich die Talsohle erreicht habe, die Verteidigungsausgaben steigen würden und ein möglicher Waffenstillstand in der Ukraine weiterhin im Bereich des Möglichen sei.

Positive Effekte durch Waffenstillstand in Ukraine
Die jüngsten Konjunkturdaten seien nach wie vor schwach. Das reale BIP-Wachstum im vierten Quartal sei niedriger ausgefallen als von den EZB-Analysten im Dezember prognostiziert, die zukunftsgerichteten Komponenten der Einkaufsmanagerindizes bewegten sich weiterhin im Kontraktionsbereich und das Beschäftigungswachstum verlangsame sich weiter. Es gebe jedoch erste Anzeichen für eine Verbesserung der Aussichten.
„Die Dynamik der Einkaufsmanagerindizes scheint die Talsohle erreicht zu haben, die Wachstumsdaten haben seit Jahresbeginn positiv überrascht (im Vergleich zu den zugegebenermaßen recht gedrückten Erwartungen), und es wird ein positiver Nachfrageimpuls durch höhere Verteidigungsausgaben und die Aussicht auf einen Waffenstillstand in der Ukraine erwartet“, so die Einschätzung des Vanguard-Experten.
Raithatha geht davon aus, dass das Wachstum um 0,2-0,3 Prozentpunkte zulegen dürfte, sollten die europäischen Verteidigungsausgaben bis Ende 2026 auf 2,5 Prozent des BIP steigen. Zudem erwartet er einen zusätzlichen Wachstums-Impuls von 0,2-0,3 Prozentpunkten, sollte ein Waffenstillstand in der Ukraine vereinbart werden und sei er noch so fragil.
Die Möglichkeit zusätzlicher Zölle belaste jedoch weiterhin die Aussichten. „Wir glauben nicht, dass eine Strategie der gegenseitigen Zölle oder ein 25-prozentiger Zoll auf Kraftfahrzeuge wesentliche Auswirkungen auf die Fundamentaldaten haben wird“, so Raithatha. Die Einführung von Zöllen, die den EU-Mehrwertsteuersätzen entsprechen, oder ein allgemeiner Zoll von 25 Prozent auf alle EU-Waren könne jedoch erheblich ins Gewicht fallen und würde wahrscheinlich alle Gewinne aus den Verteidigungsausgaben und einem Waffenstillstand zunichtemachen
Inflationsentwicklung günstig
Die Inflationsaussichten bleiben unterdessen günstig: „Der Rückgang der Dienstleistungsinflation im Flash Report vom Februar ist ermutigend, und wir sind fest davon überzeugt, dass es noch weiteren Spielraum gibt“, betont Raithatha.
Ein Großteil der zuletzt hartnäckigen Inflation sei auf drei Sektoren zurückzuführen: Versicherungen, Tourismus und Transport, die jedoch alle Anzeichen einer Normalisierung in den kommenden Monaten zeigen würden. Auch der Arbeitsmarkt entspanne sich weiter, während die Echtzeit-Lohndaten auf einen deutlichen Rückgang des jährlichen Lohnwachstums bis zum Jahresende hindeuten.
Ein Großteil der jüngsten politischen Debatte habe sich um die Frage gedreht, ob die Zinssätze immer noch restriktiv seien. Insbesondere Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel habe die Ansicht vertreten, dass der geldpolitische Kurs nicht mehr als „eindeutig restriktiv“ bezeichnet werden sollte.
Empfehlung: Weitere Zinssenkung
"Da das Wachstum in diesem Jahr unter dem Trend bleiben dürfte und die Inflation mittelfristig wahrscheinlich unter dem Zielwert von 2 Prozent liegen wird, halten wir an unserer Empfehlung fest, die Zinssätze bis Juli zu senken, wodurch der Leitzins letztlich bei 1,75 Prozent und damit etwas unter dem neutralen Wert liegen würde“, so der Vanguard-Ökonom weiters. Die Nachrichten der letzten sechs Wochen über höhere Verteidigungsausgaben und einen möglichen Waffenstillstand in der Ukraine hätten ein stärkeres Wachstum wahrscheinlicher gemacht und damit das Risiko für ein langsameres Tempo bei den Zinssenkungen erhöht.