Aufrüstung Österreich : Bundesheer rüstet auf: Was bedeutet das für die Wirtschaft

Bundesheer Doku 2004,2005.FOTO: ? ALI SCHAFLER/ORF

Kampfpanzer "Leopard" 2A4 des Österreichischen Bundesheeres bei einer Truppenübung. 

- © Ali Schafler/ORF

Laut dem stellvertretenden Generalstabschef steht das österreichische Bundesheer vor einer massiven Aufrüstung. Mit einem Budget von vier Milliarden Euro sollen moderne Flugabwehrsysteme mit Langstreckenraketen angeschafft werden. Auch Kampf- und Aufklärungsdrohnen sowie der Eurofighter-Nachfolger sind im Gespräch. Generalleutnant Bruno Hofbauer gab im Ö1-Mittagsjournal Einblick in die Pläne.

Ein Schwerpunkt ist die bodengestützte Luftverteidigung über große Entfernungen. „Wir brauchen Systeme, die Luftangriffe aus einer Entfernung von bis zu 100 Kilometern abwehren können“, sagt Hofbauer. Zur Auswahl stehen bekannte Modelle wie das Patriot-System der USA, europäische Alternativen oder israelische Technologien.

Die Kosten für diese Systeme belaufen sich auf 4 Milliarden Euro, die außerhalb des regulären Bundesheerbudgets finanziert werden müssen. „Wir müssen einen neuen Verband aufstellen, der sich speziell mit dieser Aufgabe befasst“, erklärte der stellvertretende Generalstabschef Hofbauer.

 

 

35mm Fliegerabwehrkanone des ÖBH im scharfen Schuss.
Österreichs Luftabwehr steht vor einer massiven Modernisierung. Im Bild die 35mm Fliegerabwehrkanone im scharfen Schuss gilt als veraltetes System. - © Bundesheer

Von Drohnen bis neue Fighter-Jets

Auch das Portfolio des ÖBH wird sich in Zukunft verändern. Drohnen rücken in den Fokus und auch ein Nachfolger für den Eurofighter, der 2033 (also in rund acht Jahren) ausläuft, wird gesucht. Als Ersatz für die bereits ausgemusterte Saab 105 wurde bereits die italienische Leonardo M-346FA ausgewählt. 12 Maschinen sollen ab 2028 in Österreich zur Luftraumüberwachung und Pilotenausbildung eingesetzt werden.

Aber auch bei den Abfangjägern wird aufgestockt. Einerseits soll die Flotte auf 36 Stück aufgestockt werden, was mehr als eine Verdoppelung der derzeit 15 Eurofighter wäre. Andererseits braucht man ein Nachfolgemodell für den Eurofighter, da für die Maschinen der 1. Tranche bald keine Ersatzteile mehr verfügbar sein werden.

Für welches Modell man sich entscheiden wird, ist noch völlig offen. Genannt wurde immer wieder der F-35 des US-Herstellers Lockheed-Martin. Bei der Airpower 2024 waren erstmals F-35 aus den USA zu Gast auf der österreichischen Flugshow und Insider sprachen schon damals von einem Marketingausflug der US-Streitkräfte.

 

LEONARDO M-346FA
Die LEONARDO M-346FA wird bald in Österreich zum Einsatz kommen. - © Leonardo

Europäische Hersteller im Fokus

Aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen mit den USA könnte es für Österreich jedoch wichtiger werden, sich verstärkt mit europäischen Herstellern zu vernetzen. Der italienische Rüstungskonzern Leonardo war zuletzt zweimal bei der Beschaffung neuer Hubschrauber und Trainingsflugzeuge erfolgreich. Bei der Beschaffung der neuen Transportflugzeuge, die die veralteten Hercules ersetzen sollen, fiel die Wahl auf die C-390M des brasilianischen Herstellers Embraer.

Bei all diesen Beschaffungen setzte Österreich auf Government-to-Government-Verträge bzw. staatliche Einkaufsgemeinschaften. Heimische Rüstungsunternehmen haben nach den vorliegenden Informationen nicht in größerem Umfang von Gegengeschäften profitiert. Die Beschaffungsaffäre um den Eurofighter wirkt hier politisch bis heute nach.

Dennoch wäre es im Interesse der heimischen Rüstungsindustrie, möglichst viel Wertschöpfung im Land zu belassen, was sich letztlich auch positiv auf die militärischen Lieferketten auswirken würde.

Die Schweiz hat mit der Entscheidung für die F-35 in letzter Zeit einige Probleme bekommen. Einerseits sind die Kosten stark gestiegen, andererseits sind die militärischen Lieferketten für die US-Ausrüstung auch fest in der Hand der US-Armee und diese ist - wie sich herausgestellt hat - nicht wirklich zuverlässig, wie Schweizer Medien berichteten.

Europäische Alternativen gäbe es genug. Mit Ungarn und Tschechien haben bereits zwei Nachbarländer Österreichs den JAS 39 Gripen des schwedischen Herstellers Saab im Einsatz. Hier gäbe es Möglichkeiten, Logistikketten mit den beiden Nachbarländern gemeinsam zu organisieren und damit Kosten zu sparen. Mit dem JAS 39E steht auch eine modernisierte Variante des Gripen zur Verfügung. Der Gripen stand bereits im Wettbewerb mit dem Eurofighter. Ein Vorteil sind die deutlich geringeren Betriebskosten, die sich bei höheren Stückzahlen, wie sie das Bundesheer fordert, möglicherweise finanziell besser darstellen lassen.

Die Kampfflugzeugprogramme der 6. Generation befinden sich in Europa noch in der Entwicklungsphase und werden voraussichtlich nicht vor Mitte der 2030er Jahre marktreif sein. Das Future Combat Air System, das von mehreren EU-Staaten entwickelt wird und oft als Nachfolgeprojekt für den Eurofighter bezeichnet wird, dürfte für die österreichische Beschaffungsstrategie nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen.

Zeltweg, Steiermark, Österreich, am 06.09.2024. Airpower 24. Bild zeigt: Foto:BMLV/GREBIEN Wolfgang
Eine Saab JAS 39 Gripen auf der Airpower 2024. - © BMLV/GREBIEN

Österreichische Rüstungskonzerne profitieren

Vom allgemeinen Rüstungsboom in Europa profitieren auch zahlreiche heimische Hersteller, die auch im Verteidigungsbereich tätig sind. Vor allem im Fahrzeugbau kann Österreich dem europäischen Verteidigungssektor zahlreiche Kompetenzen zur Verfügung stellen. Und obwohl die Unternehmen steigende Auftragseingänge verzeichnen, äußern sich Branchenvertreter zurückhaltend zu den Aufrüstungsplänen der EU. Die Beschaffung von Rüstungsgütern ist ein spezielles Geschäft, das immer auch von der Entscheidung staatlicher Akteure abhängt. Die Gesetze des Marktes funktionieren im Rüstungsgeschäft anders. Zudem sei die Finanzierung des 800-Milliarden-Aufrüstungspakets der EU noch fraglich.

Am Ende könnte der Rüstungsboom hinter den Erwartungen zurückbleiben. Insider berichten zudem, dass der Modernisierungsbedarf in allen europäischen Armeen zwar vorhanden, aber nicht so groß sei, wie in den Medien oft dargestellt. Zudem haben sich viele europäische Streitkräfte in den letzten Jahren verjüngt, etwa im Marinebereich, so dass der Modernisierungsbedarf in einigen Segmenten bereits rückläufig ist.

Darüber hinaus verändert der Krieg in der Ukraine auch das Bild auf dem Gefechtsfeld. Schweres Gerät wird durch kostengünstigere Drohnentechnologie ersetzt. Die veränderten Anforderungen der modernen Kriegsführung werden sich auch auf die Beschaffungsstrategien der europäischen Armeen - und damit auch auf Österreich - auswirken. Autonome Fahrzeuge, Roboter und Drohnen sind auf dem Vormarsch, während Panzer und gepanzerte Fahrzeuge in Zukunft möglicherweise nicht mehr in großer Zahl benötigt werden. Selbst Militärexperten sind sich über diese Entwicklungen noch nicht einig.