Europa und die neue Weltordnung : Herfried Münkler: Die regelbasierte Ordnung wird durch machtpolitische Realität ersetzt

symbolisches bild dreier ineinander greifender flaggen - usa, eu und china - als abblätternde mauer dargestellt

Europa in der Zange in einer multipolaren Welt. 

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Europa stehe am Scheideweg und müsse Antworten auf das Ende einer regelbasierten Weltordnung finden. In einem eindrucksvollen Vortrag auf dem Industriekongress 2025 analysierte der renommierte Politikwissenschaftler Herfried Münkler die tektonischen Verschiebungen in der internationalen Ordnung. Seine Diagnose: Die regelbasierte Weltordnung, wie sie insbesondere seit dem Ende des Kalten Krieges gepflegt wurde, ist Geschichte. An ihre Stelle tritt eine neue, machtbasierte Realität – mit weitreichenden Folgen für Politik, Wirtschaft und Sicherheit.

Wirtschaftliche Macht am Limit

Münkler betonte, dass Europa lange Zeit davon ausgegangen sei, militärische Macht durch wirtschaftliche Stärke ersetzen zu können. Wirtschaftliche Macht wurde als kostengünstiger, effizienter und zivilisierter angesehen. Konflikte sollten nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern vor internationalen Gerichten oder über Sanktionen ausgetragen werden. Die wirtschaftliche Regulierung internationaler Beziehungen galt als Fortschritt gegenüber klassischer Machtpolitik.

Doch dieses Denken habe, so Münkler, eine entscheidende Voraussetzung ignoriert: „Wirtschaftliche Macht operiert in einem anderen Zeitrhythmus als militärische Macht.“ Der Erste Weltkrieg habe gezeigt, dass Wirtschaftssanktionen Jahre brauchen, um zu wirken – eine Lücke, die Akteure mit militärischer Schnelligkeit zu nutzen wissen. Der Westen habe damit eine Einladung ausgesprochen: Wer schnell genug militärisch handelt, bevor die wirtschaftlichen Mittel greifen, kann Fakten schaffen.

Herfried Münkler, Deutscher Politikwissenschaftler
Politikwissenschaftler Herfried Münkler - © wikimedia
„Wirtschaftliche Macht operiert in einem anderen Zeitrhythmus als militärische Macht.“
Herfried Münkler

Der Irrtum vom Homo Oeconomicus

Hinzu komme ein grundsätzlicher Denkfehler: die Annahme, dass politische Akteure stets rational nach Nutzenmaximierung handeln – als „Homo Oeconomicus“. Münkler widerspricht entschieden: „Viele handeln aus Ressentiment, nicht aus Rationalität.“ Das gelte insbesondere für Wladimir Putin. Europa habe geglaubt, Russland durch wirtschaftliche Anbindung und Wohlstand friedlich machen zu können – ein Irrtum, den Münkler als „Dekadenzexport“ bezeichnet. Die historische Erfahrung von Versailles oder Saint-Germain hätte eigentlich mahnen müssen, dass revanchistische Tendenzen auch in Russland wieder aufkeimen könnten.

Vom Regelbruch zur neuen Ordnung

„Die Macht unserer Wünsche war so stark, dass wir die Fehler unserer regelbasierten Ordnung nicht hinterfragt haben“, so Münkler. Inzwischen sei der internationale Rahmen von einer regelbasierten zu einer machtpolitischen Ordnung übergegangen. Die Vorstellung von berechenbarer Regeltreue sei verloren gegangen, die Vereinten Nationen hätten sich als unfähig erwiesen, Ordnung zu garantieren – blockiert durch interne politische Interessen, insbesondere im Sicherheitsrat.

Faktisch seien es die USA gewesen, die die Ordnung durchgesetzt hätten. Doch deren Autoritätsverlust sei ebenfalls ein Treiber der globalen Destabilisierung. „Wenn die USA wieder Autorität erlangen wollen, müssen sie Macht demonstrieren – zur Not auch mit B-2 Bombern.“ Doch das unipolare Moment der Vereinigten Staaten sei unwiderruflich vorbei. Weder ein chinesisches Zeitalter werde folgen, noch werde es erneut eine eindeutige Hegemonie geben. Die Chinesen, so Münkler, seien klug genug, sich globaler Verantwortung zu entziehen und konzentrierten sich auf den Aufbau lokaler Imperien.

Europa am Scheideweg: Vom Payer zum Player

Die Konsequenz: Eine neue globale Pentarchie aus USA, China, Russland, Indien – und der EU, wenn Letztere es schafft, sich vom regelverwaltenden „Payer“ zu einem handlungsfähigen „Player“ zu entwickeln. Münkler warnt jedoch: „Die EU ersetzt fehlende Handlungsfähigkeit durch Bürokratie – das funktioniert nur in einer regelbasierten Ordnung.“ In der machtpolitischen Welt braucht es jedoch militärische, wirtschaftliche und politische Durchsetzungsfähigkeit.

Besonders kritisch sieht er die außen- und sicherheitspolitischen Ambitionen der EU-Staaten. Während die „E3“ – Deutschland, Frankreich, Großbritannien – gemeinsam mit Polen und Italien versuchen, unterhalb der EU-Verträge eine neue Ordnung zu etablieren, bleiben institutionelle Reformen auf EU-Ebene nahezu unmöglich. Ein Bruch mit der bisherigen Architektur ist denkbar – vielleicht sogar unausweichlich.

„Die EU ersetzt fehlende Handlungsfähigkeit durch Bürokratie – das funktioniert nur in einer regelbasierten Ordnung.“

Die NATO und das europäische Sicherheitsdilemma

Ein möglicher Rückzug der USA aus der NATO könnte das Machtvakuum weiter vergrößern. Europa müsste dann die militärische Führung übernehmen. Doch Münkler warnt: Alte Ressentiments könnten wieder aufbrechen. „Wird Polen einen deutschen Oberkommandierenden akzeptieren? Wird Italien einen französischen?“ Die gemeinsame europäische Sicherheitsarchitektur steht vor ihrer größten Bewährungsprobe.

Für die Wirtschaft birgt diese Entwicklung erhebliche Risiken. Ein Wiederaufflammen von Konflikten, etwa auf dem Balkan, könnte Österreich besonders hart treffen – wirtschaftlich wie politisch. Der Krieg in der Ukraine ist dabei nur ein Vorzeichen weiterer potenzieller Spannungsherde.
Herfried Münklers wird deutlich: Die Zeit der Wunschvorstellungen ist vorbei – Europa muss sich neu aufstellen. Wirtschaftliche Stärke allein reicht nicht mehr aus. Wer in einer machtpolitischen Welt bestehen will, braucht ein umfassendes Repertoire – politisch, wirtschaftlich und militärisch. Für die europäische Wirtschaft bedeutet das vor allem eines: strategische Weitsicht wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.