BRICS vs G7 : Große Systemkonfrontation: G7 gegen BRICS – Die ökonomische Zeitenwende

PM in a family photograph with Members, Partners and Outreach invitees on the sidelines of 17th BRICS Summit at Rio de Janeiro, in Brazil on July 07, 2025.

BRICS-Mitglieder und Partnerländer auf dem BRICS-Gipfel im April 2025 in Brasilien

- © GODL India

Mit der Gründung der New Development Bank (NDB) 2014 in Shanghai und einem capital stock von anfänglich 50 Mrd. USD (aus 100 Mrd. kapitalisiert) setzten die BRICS schon vor Jahren ein starkes Zeichen gegen IWF- und die Dominanz der westlich geprägten Weltbank. Das Governance-Modell der NDB ist “one country – one vote”, im Gegensatz zur kapitalbasierten Abstimmung in der Weltbank – und damit klar ein Ausdruck institutioneller Eigenständigkeit. Ergänzt wird die NDB durch das Contingent Reserve Arrangement (CRA) zur gemeinsamen Währungsabsicherung, ein regionaler Stabilitätsmechanismus seit 2015.

Hinzu kommt das digitale Zahlungsnetzwerk BRICS Pay, das lokale Währungen für grenzüberschreitende Transaktionen nutzen soll und eine direkte Antwort auf SWIFT und US-Dollar-Abhängigkeit darstellt. Diese Projekte machen deutlich: Die BRICS wollen sich von globalisierten Systemen schrittweise emanzipieren – und eigene, parallel laufende Architekturen etablieren.

Seither hat sich die wirtschaftliche Emanzipation der BRICS vom westlichen Welthandelssystem beschleunigt und - sehr zum Missfallen der USA - zieht immer mehr Interessenten an. Befürchtungen werden laut, die BRICS könnten zum attraktiveren System für viele Länder werden und somit die Dominanz des westlichen Weltwirtschaftssystems mit seinen Institutionen schleichend ablösen. Mit Auswirkungen auf auch die weltweite Friedens- und Machtpolitik. Die große Frage ist, sind die BRICS ein neuer "Regelsetzer" oder "Regelbrecher"?

BRICS Länder
Die BRICS Familie wächst. Dunkelblau: BRICS Mitglieder / Hellblau: BRICS Partnerstaaten / Grün: BRICS Beitrittskandidaten - © wikimedia

Reform vs. Parallelwelt: Strategien im Doppelspiel

Gleichzeitig erklären sich die BRICS weiterhin solidarisch mit dem reformierten Multilateralismus. Die Rio-Gipfel-Kommuniqués enthalten Lob für WTO und Co., fordern aber zeitnahe Quoten- und Strukturreformen, um der ökonomischen Realität Rechnung zu tragen. Der Anspruch ist zweigleisig: Systeminterne Reformen bei gleichzeitiger Errichtung eigener Optionen – eine Strategie, die strukturelle Unabhängigkeit bewahren will.

Das East Asia Forum betont zudem, dass BRICS bewusst "im System bleiben", es aber von innen heraus transformieren und gleichzeitig institutionelle Parallelstrukturen schaffen wolle. Ähnlich sieht das das B'HUTH-Papier der VAE: Trotz innerer Differenzen arbeite man kraftvoll an globalem Einfluss – etwa durch Festlegung fiskalischer Reserven, Reservewährungen und Infrastrukturbanken – auch wenn Herausforderungen wie Governance und Vertrauen bleiben.

Doch die heterogene Zusammensetzung – Demokratien, Autokratien und Ressourcengiganten – macht ein kohärentes Vorgehen schwierig. So vermisst z. B. die Financial Times klare Führung, da Großmächte wie China und Russland teils abwesend sind – der Block expandiert, aber die Kohäsion bleibt volatil . Die G7 und andere westliche Akteure reagieren zunehmend defensiv: US-Politiker wie US-Präsident Trump drohen mit Strafzöllen bis zu 10 % gegen BRICS-Mitglieder, die sich vom Dollar abkoppeln.

Dieser Druck verstärkt jedoch die innenpolitische Bereitwilligkeit, in Richtung De‑Dollarisation und institutioneller Autonomie zu gehen. Brasilien und China betonen öffentlich die Notwendigkeit, das westlich geprägte System infrage zu stellen – sie bauen so den Nervenkontakt zwischen G7-Abwehr und BRICS-Emanzipation weiter aus.

BRICS unter dem Spencer’schen Friedensmodell

Der Brander–Spencer-Ansatz aus der internationalen Handels- und Industriestrategie besagt: Staatliche Interventionen zugunsten nationaler Champions können zwar kurzfristig Nutzen bringen und Wohlstand vermehren – langfristig aber verschärft dabei jeder Spieler allerdings den Wettbewerb. Überträgt man dieses Ideal auf das Verhältnis BRICS–G7, zeigt sich: Die BRICS setzen auf koordinierte institutionelle Investments (z. B. in NDB, CRA), um globalen Einfluss auszubauen – doch wenn jedes Mitglied eigene strategische Interessen verfolgt, kann sich der Kollektivnutzen verschlechtern. Abgeleitet vom Brander-Spencer Ansatz steht das Comte-Spencer-Friedensmodell für einen Ansatz, der eine Friedenssicherung durch wirtschaftliche Inklusion und Abhängigkeit erzeugt. Die Gründung der EWG nach dem 2. Weltkrieg folgte im Wesentlichen diesem Ansatz, um die Länder Westeuropas so stark wirtschaftlich miteinander zu verflechten und durch Wohlstandsaufbau zu befrieden, sodass militärische Konflikte in Zukunft keinen Nutzen haben würden. Selbiger Ansatz wurde auch nach dem Fall der UdSSR Anfang der 1990-er Jahre verfolgt, allerdings gelang eine wirtschaftliche Inklusion Russlands nicht im gleichen Ausmaß, um das Aufkommen revisionistischer Kräfte völlig zu ersticken. 

Die BRICS verhalten sich bislang im Einklang mit Spencer: ihre Institutionen dienen dem kollektiven Gewicht, aber die fragmentierte Struktur macht das Ganze anfällig. Wenn China, Russland oder Indien einzelne Leitlinien dominieren, entsteht ein Flickenteppich regionaler Führungsansprüche – und der Block verliert an systemischer Konsistenz.

Perspektiven: Multipolarität in Entstehung

Die BRICS-Bewegung markiert eine Zeitenwende:

  1. Parallelstrukturen wie NDB, CRA, BRICS Pay entstehen – mit dem Ziel, sich asymmetrisch in das bestehende System einzudocken und langfristig davon zu entkoppeln.
  2. Institutioneller Reformdruck wird von innen begleitet – Stichwort WTO-Reform, IWF-Quotenänderung, UN-Sicherheitsrat.
  3. Interner Spannungsbogen bleibt die Achillesferse – Expansion bringt globale Relevanz, aber koordiniertes Handeln wird komplexer.
  4. Spencer’sches Dilemma verweist auf die Notwendigkeit funktionaler Kooperation ohne Einheitlichkeit.

Für die G7 bedeutet das: Nicht nur strategische Rivalität mit Russland und China, auch die Gefahr dezentraler, multipolarer Konkurrenz durch institutionalisierte BRICS-Netzwerke. Wirtschaftspolitisch bedeutet dies: Neue Märkte, Finanzierungsstraßen, digitale Zahlungssysteme und nicht‑westliche Regelwerke werden die globale Ökonomie grundlegend verändern. Aufgrund der zunehmenden Auffächerung und institutionellen Entkoppelung zwischen westlicher G7 und „östlicher“ BRICS schwächt sich auch das seit den 1990-er Jahren gültige Dogma ab, dass wirtschaftliche Stärke militärischer Stärke vorzuziehen ist. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs galt, dass durch Verflechtung wirtschaftlicher Strukturen („Wandel durch Handel“) sich ein auf wirtschaftlicher Abhängigkeit basierendes Mächtegleichgewicht aufbauen lässt, dass die zuvor militärische Bipolarität im Kalten Krieg ablösen sollte. Mit der wirtschaftlichen Emanzipation der BRICS gerät nun die militärische Stärke wieder stärker in den Vordergrund, da wirtschaftliche Abhängigkeit und Sanktionierbarkeit ihre Wirkung nach und nach verlieren. 

Die Konfrontation G7 versus BRICS ist kein simples Ost‑West-Szenario der Vergangenheit – sie ist multiplizierend, komplex, institutionalisiert. Die BRICS-Elite vollzieht einen zielgerichteten Spagat: Treue zum reformierten Multilateralismus, zugleich Aufbau von staatlich kontrollierten Alternativen. Ob aus dieser Doppelstrategie eine echte globale Neuerfindung entsteht oder ein Flickenteppich mit begrenztem Wirksamkeitspotenzial, wird in den kommenden Jahren entschieden. Wirtschaftlich ist klar: Die Westblock‑Dominanz wankt – und die BRICS institutionalisieren sich in einem Tempo, das den globalen Wettbewerb nachhaltig verändern könnte.

Neue Friedensordnung im Zeichen der Multipolarität

Das Aufkommen der BRICS verändert nicht nur die wirtschaftliche Architektur, sondern auch die globale Friedensordnung in ihrem Fundament. Während die Nachkriegswelt vom westlich dominierten Sicherheits- und Kooperationssystem geprägt war – allen voran durch die NATO, den UN-Sicherheitsrat und Bretton-Woods-Institutionen – fordern die BRICS eine Neuvermessung globaler Machtverhältnisse auch im sicherheitspolitischen Sinne. Diese Verschiebung folgt nicht zwangsläufig einem konfrontativen Muster, sondern zielt auf eine pluralistische Friedensordnung, in der Machtgleichgewichte statt Hegemonialdominanz Stabilität erzeugen sollen. Nach dem Comte-Spencer-Friedensmodell, das wirtschaftliche Verflechtung und funktionale Arbeitsteilung als Friedensstifter betrachtet, bedeutet das: Mit jedem BRICS-internen Handelsabkommen, mit jeder multilateralen Investitionsbank oder gemeinsamen Digitalwährung wächst die interdependente Friedensdividende – allerdings außerhalb westlicher Normrahmen. Die Gefahr dabei: Die Entstehung paralleler Ordnungen könnte weniger zu einem globalen Gleichgewicht als zu einem System der "friedlichen Fragmentierung" führen – ein Zustand, in dem Friedenssicherung nicht mehr zentral, sondern durch regionale Allianzen und neue Institutionen ausgehandelt wird. Friedenspolitik wird dadurch multipolar, situativ – und komplexer denn je.

China vs. USA – Der Systemkonflikt und die Rolle von G7 und BRICS

Im Zentrum der geopolitischen Spannungen steht der strukturelle Systemkonflikt zwischen den USA und China – ein Wettstreit zwischen liberal-demokratischer Marktordnung und staatlich gesteuerter Entwicklungsökonomie. Dieser Konflikt ist nicht bloß wirtschaftlicher Natur, sondern berührt Grundfragen von Governance, Technologiekontrolle, Sicherheitsarchitektur und globaler Werteordnung. Die G7-Staaten fungieren dabei zunehmend als transatlantischer Block, der eine regelbasierte Weltordnung verteidigt, in der liberale Normen, Patentschutz und westliche Institutionen dominieren. China hingegen nutzt die BRICS als Plattform, um eine alternative, multipolare Ordnung zu etablieren – mit eigenen Normen, Handelswegen (z. B. „Belt and Road Initiative“) und digitalen Infrastrukturen, die dem westlichen Einfluss bewusst entzogen werden. Während die USA versuchen, durch "Friendshoring", Sanktionspolitik und neue Allianzen (AUKUS, QUAD) ihren Einfluss zu konsolidieren, stärkt China durch BRICS-Erweiterungen und Süd-Süd-Kooperationen seinen globalen Rückhalt. Die BRICS insgesamt könnten dabei zum geopolitischen Hebel Chinas werden – während die G7 ihrerseits zur strategischen Verteidigungslinie der USA im neuen Systemkampf avancieren. Die Weltwirtschaft ist damit nicht nur in einem Wettbewerbsmodus, sondern in einem zunehmend ideologisch aufgeladenen Systemstreit verankert – mit offenem Ausgang.

BRICS als Magnet für den Globalen Süden

Die BRICS entwickeln sich zunehmend zu einem globalen Magneten für Länder des Globalen Südens – ein Trend, der auf dem 17. BRICS-Gipfel in Rio de Janeiro sichtbar wurde. Mit konkreten Initiativen wie einem neuen Garantie-Fonds zur Reduzierung von Kreditkosten, dem "Tropical Forests Forever Facility" für Klimafinanzierung oder der offenen Diskussion über eine inklusive KI-Governance zeigen die BRICS nicht nur programmatische Ambitionen, sondern schaffen greifbare Alternativen zu westlich dominierten Institutionen. Besonders Lateinamerika sieht darin neue Chancen für finanzielle Souveränität und entwicklungspolitische Eigenständigkeit – ganz ohne die politischen Konditionalitäten westlicher Geber. 

Die Teilnahme von Chile, das BRICS als "resonierend mit den diplomatischen Prinzipien Lateinamerikas" beschreibt, und das wachsende Interesse von Ländern wie Venezuela, Kolumbien oder Uruguay unterstreichen: Die BRICS werden zunehmend zu einem strukturellen Gegengewicht im internationalen System. In Rio zeigte sich: Eine neue Ordnung ist nicht nur denkbar – sie nimmt bereits Form an.