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Interview von Stefan Rothbart : „Die Zukunft der Medizin entsteht an den Schnittstellen“

Human.technology Styria GmbH Geschäftsführerin Lejla Pock

Human.technology Styria GmbH Geschäftsführerin Lejla Pock

- © Oliver Wolf

Frau Pock, was macht den Standort Steiermark aus – und welche Rolle spielt der Human Technology Cluster dabei?

Lejla Pock: Das Besondere am Standort ist, dass hier mehrere Kompetenzen zusammenkommen, die man in dieser Kombination in Europa nur selten findet.

Einerseits haben wir eine hohe klinische Exzellenz und starke Universitäten mit international sichtbarer Forschung. Gleichzeitig besitzt die Steiermark eine ausgeprägte Engineering-DNA, also technisches Know-how, Produktionskompetenz und industrielle Erfahrung. Wir profitieren z. B. sehr von der Präsenz der Mikroelektronik-Industrie und dem produzierenden Sektor in der Steiermark. Dazu kommen zunehmend datengetriebene Disziplinen wie Data Science und künstliche Intelligenz sowie eine sehr innovative Unternehmenslandschaft. Diese reicht von Start-ups bis hin zu etablierten Produktionsunternehmen.

Das Entscheidende ist aber, dass all diese Akteure in einem gemeinsamen System zusammenarbeiten. Unsere Stärke als Cluster liegt darin, diese Kompetenzen systematisch miteinander zu verbinden. Aus einzelnen Akteuren entstehen so leistungsfähige Innovationssysteme und genau diese Integration wird die Zukunft der Medizin prägen.

Sie sprechen die Vernetzung unterschiedlicher Disziplinen an. Warum reicht es nicht aus, nur medizinische Forschung an einem Standort zu haben?

Pock: Weil die Zukunft der Medizin nicht in einzelnen Disziplinen entsteht, sondern an deren Schnittstellen. Medizinisches Wissen allein reicht genauso wenig aus wie technisches Know-how allein. Erst wenn medizinische Forschung, Ingenieurwissenschaften, Produktion und Datenanalyse zusammenkommen, entstehen tatsächlich neue Lösungen.

In der Steiermark wurde in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel Vorarbeit geleistet, um genau diese Verbindungen aufzubauen. Was früher teilweise wie ein fragmentiertes System ausgesehen hat, entwickelt sich heute immer stärker zu einem integrierten Netzwerk. Unsere Aufgabe als Cluster ist es, diese Vernetzung weiter zu fördern und sichtbar zu machen. Ein echter Innovations-Hotspot braucht mehrere Voraussetzungen: eine exzellente Wissensbasis durch Universitäten, eine starke Unternehmenslandschaft, ausreichend Talente, Infrastruktur und Kapital. Doch mindestens genauso wichtig ist etwas weniger Sichtbares, nämlich eine funktionierende Kooperationskultur. Das ist genau die Stärke des Standorts. Gerade in den Life Sciences ist auch die Skalierung entscheidend. Es reicht nicht, Innovationen zu entwickeln, sie müssen auch produziert und weltweit verfügbar gemacht werden können. Deshalb sind Produktionskompetenz und Engineering-Know-how so wichtig. Diese Kombination aus Wissenschaft, Industrie und technischer Umsetzung findet man in dieser Form nicht sehr häufig.

Welche Bedeutung haben Life Sciences und Health Technologies als Wirtschaftsfaktor für die Steiermark?

Pock: Sie gehören eindeutig zu den Schlüsseltechnologien der Zukunft. Life Sciences adressieren gleich mehrere große gesellschaftliche Herausforderungen: Gesundheit, demografischer Wandel, technologische Souveränität und Versorgungssicherheit.

Wir sehen weltweit eine alternde Bevölkerung und damit einen starken Anstieg chronischer Erkrankungen. Zugleich haben viele Krisen gezeigt, wie wichtig robuste Lieferketten und eigene Kompetenzen in der pharmazeutischen Produktion für die Versorgungssicherheit sind. All das erfordert neue Lösungen und genau hier setzen Life Sciences an.

Darüber hinaus handelt es sich um einen hochtechnologischen Wirtschaftszweig mit großer Wertschöpfung. In der steirischen Human-Technologies-Branche sprechen wir von rund sechs Milliarden Euro Umsatz. Diese Branche schafft hochqualifizierte Arbeitsplätze und generiert einen großen Teil ihrer Wertschöpfung über internationale Märkte.

„Unsere Stärke als Cluster liegt darin, diese Kompetenzen systematisch miteinander zu verbinden.“
Lejla Pock, Geschäftsführerin Human.technology Styria

Viele Unternehmen in diesem Bereich arbeiten stark international. Ist das typisch für die Branche?

Pock: Ja, absolut. Life Sciences sind von Grund auf international. Die Märkte, Zulassungen, Partnerschaften und oft auch das Kapital sind global. Österreich allein wäre für viele Produkte schlicht zu klein als Markt. Hinzu kommt, dass viele Life-Science-Produkte keine klassischen Konsumgüter sind. Es handelt sich häufig um Nischenmärkte mit sehr spezialisierten Anwendungen. Deshalb müssen Unternehmen von Anfang an international denken und globale Märkte adressieren.

Gleichzeitig entstehen rund um diese Produkte ganze Wertschöpfungsketten: von Sensorik und Mikroelektronik über IT und Datenanalyse bis hin zu Materialwissenschaften. All diese Branchen tragen zur Innovation im Gesundheitsbereich bei und diese Vernetzung zeichnet die Steiermark als Life-Science Standort aus.

Welche Entwicklungspotenziale sehen Sie für die Branche in den kommenden Jahren?

Pock: Das Potenzial ist sehr groß.  Besonders dynamische Bereiche sind personalisierte Medizin, datengetriebenes Bioprocessing, KI-gestützte Diagnostik und intelligente Gesundheitssysteme. Auch der Trend zu personalisiertem Gesundheitsmanagement und digitale Präventionslösungen werden weiter an Bedeutung gewinnen. Damit diese Entwicklung gelingt, braucht es allerdings auch passende Rahmenbedingungen: Zugang zu internationalem Kapital, eine erleichterte Integration internationaler Talente sowie Infrastruktur, die Wachstum und Skalierung ermöglicht. Ein wichtiger Hebel wäre zusätzliche Produktionskapazität, – sowohl für Pilot- und Scale-up-Prozesse als auch durch die Ansiedlung internationaler Produzenten, etwa im Bereich der biopharmazeutischen Herstellung. Die Kompetenzen sind vorhanden, zusätzliche Kapazitäten könnten das Ökosystem jedoch deutlich stärken.  Darüber hinaus braucht es eine starke digitale Infrastruktur, etwa Rechenzentren und sichere Datenumgebungen, in denen Unternehmen neue Anwendungen testen können. 

Warum ist auch eine breite Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit so wichtig für diese Branche?

Pock: Weil Life Sciences letztlich jeden Menschen betreffen. Die Technologien, die hier entstehen, beeinflussen Gesundheit, Prävention und Lebensqualität.

Wir sehen unsere Aufgabe daher nicht nur darin, Innovation für Unternehmen zu ermöglichen, sondern auch Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen. Technologien können Menschen motivieren, gesünder zu leben, etwa durch Monitoringtools oder digitale Gesundheitsanwendungen.

Wenn Technologie dazu beitragen kann, gesunde Lebensstile zu fördern, profitieren sowohl die Menschen als auch das gesamte Gesundheitssystem. Wir verbinden Medizin, Technologie, Daten, Produktion und klinische Anwendung zu hybriden Lösungen. Darin liegt unsere Nische und unser Wettbewerbsvorteil. 

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Gründung: 2004
Mitgliedsunternehmen: 152
Umsatz der HTS-Branchen (2024): 6,33 Mrd. Euro
Arbeitsplätze (2024): rund 50.000

Waves & Wires – Internationaler Treffpunkt für Health Tech in Graz

Im Fokus stehen 2026 insbesondere Radiologie und Neurologie – Disziplinen, in denen datengetriebene Anwendungen und Künstliche Intelligenz die klinische Praxis grundlegend verändern. Dabei geht es nicht nur um Algorithmen, sondern um Infrastruktur, Regulierung, Datenverfügbarkeit und tragfähige Innovationsökosysteme. Der HTH beleuchtet diese Zusammenhänge aus wissenschaftlicher, unternehmerischer und regulatorischer Perspektive.

Mit Roche Diagnostics und Siemens Healthineers sind auch globale Marktführer prominent vertreten. Bernhard Schmidt, Senior Director CT R&D Collaborations bei Siemens Healthineers, spricht über aktuelle Entwicklungen in der medizinischen Bildgebung. Stephan Bastelberger von Roche Diagnostics bringt die industrielle Perspektive eines weltweit führenden Diagnostikunternehmens ein. Ergänzt wird das Programm durch internationale Keynotes, Panels sowie Beiträge aus Klinik, Forschung und Start-up-Umfeld.

Shaping the Future

Ein besonderer Programmpunkt ist die Start-up-Session „Rising Innovators: Shaping the Future of Health Care“ in der Future Zone. Tesorai, elyte diagnostics, M2Test und Combyn Health Care präsentieren ihre Entwicklungen vor einer hochkarätigen Jury aus Recht, Regulierung, Industrie und Wissenschaft. In einer moderierten Panel-Diskussion werden Geschäftsmodelle, Skalierungschancen und Marktzugang kritisch hinterfragt. Zusätzlich geben die Projekte TIL-DER, MRsafe und MagnoCure Einblick in aktuelle Forschungsvorhaben und ihre Schritte vom Labor in Richtung Unternehmensgründung. Jury- und Publikumspreis – Letzterer per Live-Online-Voting – sorgen für zusätzliche Dynamik. Die Session wird von Craig Matthews (Science Park Graz) moderiert. Ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal des HTH ist die hohe Networking-Dichte: Im Schnitt entstehen pro Konferenz rund 250 vorab vereinbarte B2B-Meetings. Strukturierte Matchmaking-Formate, die interaktive „Future Zone“ für Start-ups sowie informelle Begegnungen schaffen Raum für konkrete Kooperationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Der Empfang im Grazer Rathaus unterstreicht die internationale Ausrichtung und die regionale Verankerung gleichermaßen.

Organisatorischer Lead ist der steirische Life-Science-Cluster Human.technology Styria. Der HTH ist eine gemeinsame Initiative mit der Medizinischen Universität Graz, der Steirischen Wirtschaftsförderung (SFG), dem Science Park Graz, ESA Space Solutions, dem InternationalisierungsCenter Steiermark und Joanneum Research. Ziel ist es, Kooperation und Innovation auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene systematisch zu fördern.

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